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| 01:25 Uhr

Verlängerter Arm der Ärzte

Das Brandenburger Modell-Projekt Gemeindeschwester hat seit seinem Start im Juli 2006 im Spreewald Gegner und Fürsprecher. Kritik kommt von der Landesärztekammer (die RUNDSCHAU berichtete) und vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Dagegen stehen Gesundheitsministerium und gesundheitspolitische Sprecher der Landtagsfraktionen hinter dem Testlauf. Daniel Preikschat

Eher selten vermutlich sind sich die gesundheitspolitischen Sprecher der Potsdamer Landtagsfraktionen so einig wie beim Thema Gemeindeschwestern. „Sie ersetzen keine Ärzte, entlasten aber die wenigen, die wir in unterversorgten Regionen haben“ , sagt Birgit Wöllert (Die Linke). Neben den Ärzten hätten auch die Pflegedienste etwas vom Einsatz der Schwestern: „Die meisten älteren Patienten, die von ihnen besucht werden, haben keine Pflegestufe.“ Doch die würden sie nach einem Besuch der Gemeindeschwestern oftmals bekommen. Für die Pflegedienste bedeute dies mehr Arbeit.
Vor diesem Hintergrund kann es auch Roswitha Schier (CDU) nicht verstehen, dass der bpa eine Kampagne mit dem Titel „Schwester Agnes sind wir“ aufgelegt hat. Die Lübbenauerin habe selbst mit Ärzten geredet, die am Medizinischen Zentrum in Lübbenau mit den drei Schwestern zusammenarbeiten. „Die sind erleichtert über die Hilfe.“ Ebenfalls nicht verstehen kann Schier die Kritik der Ärztekammer am Einsatzort. Sicher, sagt sie, gibt es schlechter versorgte Gebiete. Aber der Spreewald biete mit dem Medizinischen Zentrum beste Bedingungen für einen Testlauf.
Ein Fan der Gemeindeschwester ist auch Martina Münch (SPD): „Sie müssen flächendeckend in die Regelversorgung integriert werden.“ Über das Wie - von der Finanzierung über die rechtlichen Grundlagen bis zur standardisierten Ausbildung - müssten alle Beteiligten freilich noch diskutieren.
Selbst die AOK - obwohl sie sich an den Kosten eines flächendeckenden Einsatzes der Schwestern wahrscheinlich beteiligen müsste - unterstützt das Projekt, wie Krankenkassen-Sprecher Jörg Trinogga bestätigt: „Wir begrüßen alles, was hilft, die zugespitzte Situation zu entspannen.“ Schließlich müsse man sich auf eine extreme Belastung der weniger werdenden Ärzte dauerhaft einrichten.
Auch Trinogga ist klar: „Die Schwestern ersetzen keine Ärzte. Sie lösen auch nicht das Problem der Unterversorgung.“ Doch eine entlastende Wirkung der Gemeindeschwestern aus Mangel an Teamfähigkeit oder aus Eitelkeit zu gefährden - das sei „völlig unverständlich“ , sagt Trinogga mit Blick auf Ärzte und Pflegedienste. In der Tat fürchten Hausärzte, dass ihnen Gemeindeschwestern die Butter vom Brot nehmen könnten. Das zumindest sagt Hans-Joachim Helming, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KV). Die enge Zusammenarbeit von Arzt und Gemeindeschwester sei vom Gesundheitsministerium gar nicht gewollt, ist Helming sicher. Vielmehr sollen die Schwestern autonom arbeiten. Zugleich würde ihr Heilberuf akademisiert und ihnen Fähigkeiten vermittelt, die Hausärzten Kompetenzen streitig machen. Helming: „Ein Hausarzt will aber ganzheitlich arbeiten. Er will auch sozial und fürsorgerisch tätig sein.“ Die Gemeindeschwestern müssten in die Praxen integriert werden. Sie können nur der verlängerte Arm der Ärzte sein. „Das ist eine zentrale Forderung von uns“ , so Helming. Nur dann könne das Projekt hilfreich sein. Dagegen sei die Frage nach der Finanzierung der Schwestern für die KV fast nachrangig.
Nicht jedoch für die Landesärztekammer. „Wer die enormen Kosten für die Gemeindeschwester bezahlen soll, darüber gibt es bislang keine endgültige Entscheidung“ , so Kammerpräsident Udo Wolter. Niedergelassene Ärzte in Brandenburg können die Mittel jedenfalls nicht bereit stellen. Dabei redet Wolter nicht nur vom Gehalt der Gemeindeschwestern, sondern auch von ihrer technischen Ausstattung - vom Laptop über Auto und Handy bis zu Datenvernetzung und Kartenlesegerät. Daneben seien Haftungsfragen nach falscher Diagnose oder Medikamentenverordnung völlig offen.
Auf den drohenden Ärztemangel in Brandenburg weise die Kammer seit Jahren hin, so Wolter weiter. Wenn überhaupt aber, hätte das Modellprojekt in einem unterversorgten Gebiet anlaufen müssen, wo ein Arzt jeden Tag mit einem überfüllten Wartezimmer zurechtkommen muss. „Erst nach dem Testlauf in einer solchen Region kann über die Notwendigkeit eines Einsatzes der Gemeindeschwester diskutiert werden.“
Einen weiteren pflegerischen Bedarf sieht Wolter nicht: „Es gibt genug Pflegedienste im Land.“

Nach Angaben des Brandenburgischen Gesundheitsministeriums kostet das zwei Jahre bis Juli 2008 laufende Modellprojekt Gemeindeschwester 700 000 Euro. 70 Prozent der Summe stammen aus dem Sozialfond der Europäischen Union (EU), der Rest werde größtenteils aus der Landeskasse beglichen. Drei Gemeindeschwestern arbeiten am Medizinischen Zentrum in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) mit sechs Ärzten zusammen. In einem Begleit- und in einem Lenkungsausschuss wird die Arbeit der Schwestern ständig ausgewertet - mit Vertretern der Ärzteverbände, der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Pflegeberufe.