Auf den ersten Blick geht es scheinbar nur um einen Streit unter Kollegen. Am vorigen Montag wurde in der Cesarion Metallguss Finsterwalde GmbH (Elbe-Elster) ein neuer Betriebsrat gewählt. Zur Abstimmung stand eine Kandidatenliste, darauf mehrere Mitglieder der bisherigen Mitarbeitervertretung. Eine zweite Liste war vom Wahlvorstand nicht zur Abstimmung zugelassen worden.

Das Arbeitsgericht in Senftenberg hatte am vorigen Freitag einen Antrag auf einstweilige Verfügung abgewiesen, mit dem der Weg zur Wahlurne für diese zweite Liste im letzten Moment doch noch freigemacht werden sollte. Das scheiterte an formalen Gründen, die der Wahlvorstand bereits gerügt hatte. Bei der Abstimmung am Montag wurde dann deutlich, dass es um mehr geht als nur Formfehler. Von den 78 abgegebenen Stimmen waren 30 ungültig: Nicht angekreuzte, quer durchgestrichene oder mit der Aufschrift „ungültig“ versehene Zettel. Die Belegschaft des Metallgussunternehmens ist offensichtlich tief gespalten in der Frage, wie ihre Interessen vertreten werden sollen.

Dahinter steckt ein Problem, das auch in anderen Firmen der Region die Mitarbeiter beschäftigt. Wie streitbar soll ein Betriebsrat sein, wenn die Firma in Schwierigkeiten steckt? Wo endet notwendige Kompromissbereitschaft und beginnt schamlose Ausnutzung einer Krisensituation durch Arbeitgeber?

Bei der Finsterwalder Metallgussfirma will über den Streit um die Betriebsratswahl kaum jemand offen reden. In vertraulichen Gesprächen gibt es jedoch deutliche Hinweise, dass die Geschäftsführung versucht haben soll, auf die Zusammensetzung der Mitarbeitervertretung Einfluss zu nehmen.

Der Geschäftsführer soll persönlich mit der zweiten Kandidatenliste in der Firma Stütz-unterschriften eingesammelt und Prokurist Thomas Krüger die Vorbereitung dieser Liste „betreut“ haben. Das versichern mehrere Mitarbeiter der Firma vertraulich gegenüber der RUNDSCHAU.

Krüger weist diesen Verdacht zurück, will sich jedoch nicht weiter äußern. „Es ist nicht schön, was da gerade in der Firma läuft“, ist alles, was er sagt. Auch die Beschäftigten, die mit der Klage für die zweite Liste vor Gericht gescheitert waren, schweigen. Darunter sind die Verantwortlichen für Einkauf und Buchhaltung. „Es sind auf dieser Liste schon eher Leute, die der Geschäftsführung nahe stehen“, räumt ein Mitarbeiter vertraulich ein. Trotzdem hätte er gern für sie votiert. „Ich habe Angst, dass die Firma noch ganz dicht gemacht wird“, sagt er. Da sei es besser, einen Betriebsrat zu haben, mit dem die Chefetage „gut klarkommt“.

Im Oktober 2008 hatte Cesarion die Weigl Metallguss GmbH in Finsterwalde übernommen. Der Hersteller von Gussteilen für die Autoindustrie leidet unter der Wirtschaftskrise. Die Folge: Kurzarbeit. Zwischen Geschäftsführer Björn Peitzmeyer, dem siebzehnten Chef seit 1990, und dem Betriebsrat begann es nach Auskunft der IG Metall bald nach der Cesarion-Übernahme heftig zu knirschen. „Die Angst vor Entlassung unter den noch etwa 90 Mitarbeitern wird genutzt, um die Belegschaft zu verunsichern und zu spalten“, so Ralf Köhler, IG-Metall-Chef in Südbrandenburg. Betriebsratsmitglieder hätten Abmahnungen bekommen, es habe sogar Kündigungsversuche gegeben.

Betriebsrat und Geschäftsführung müssten vertrauensvoll zum Wohle des Unternehmens zusammenarbeiten, so Köhler. Doch die Rollen sind dabei für den IG-Metall-Funktionär klar: „Der Betriebsrat muss die Interessen der Arbeitnehmer vertreten und kein Abnickgremium des Firmenchefs sein.“ Ein Finsterwalder Alugießer glaubt indes, dass der Firmenchef am liebsten überhaupt keinen Betriebsrat in seiner Firma haben möchte: „Der will die Leute lieber einzeln totquatschen.“

Wie gespannt das Verhältnis der Firmenspitze zur IG-Metall inzwischen ist, zeigt ein Vorfall bei der Auszählung der Betriebsratswahl. Frank Ernicke, IG-Metall-Sekretär in Finsterwalde, wollte dabei sein. Doch Prokurist Thomas Krüger habe ihn zu sich gerufen und ihm Hausverbot erteilt. „Vorher hat er mir gedroht, die Polizei zu rufen, jetzt soll ich Post von seinem Anwalt bekommen“, so Ernicke. Wenn das Hausverbot schriftlich bei ihm eingeht, werde er dagegen klagen.

Das Arbeitsgericht in Senftenberg muss sich vielleicht auch erneut mit der Betriebsratswahl bei der Cesarion GmbH beschäftigen. Einige Mitarbeiter und die Gewerkschaft rechnen damit, dass es nach dem bisherigen Streit zu einer Anfechtung des Wahlergebnisses kommen könnte. Der neu gewählte Betriebsrat ist jedoch bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung im Amt.