Die blutige Katastrophe, mit der ein anfangs geplanter Raub im Februar in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) endete, begann laut Gutachter Jürgen Rimpel, mit kleinen Lügengeschichten des Angeklagten. Mit denen habe er oft seine Selbstzweifel überspielt. Erst ließ Daniel L. seine damalige Freundin in dem Glauben, er sei Diskjockey. Dann erzählte er ihr, er habe seine Anlage verkauft und mit dem Erlös ein Auto erworben. Das habe jedoch bei einem Unfall einen Totalschaden erlitten. Jetzt warte er auf das Geld der Versicherung, log er weiter und versprach seiner Freundin, ihr davon ein Auto zu bezahlen. In der Nacht vor dem geplanten Kauftermin fasste er den Entschluss, die Postagentur der 37-jährigen Anke Lorenz in Doberlug-Kirchhain zu überfallen.
Der 22-Jährige hatte dem Neurologen und Psychiater bei einer Befragung ebenso wie vorher einem Vernehmungsrichter geschildert, was sich am letzten Donnerstag im Februar in der Postagentur abgespielt hatte. Eine Wollmütze mit Sehschlitzen über dem Kopf und mit einem großen Küchenmesser bewaffnet, hatte er den Laden betreten, in dem er vorher mehrmals gearbeitet hatte und von dem er wusste, dass es im Büro einen Tresor gibt. Doch als er vor Anke Lorenz stand, habe er gemerkt, dass er das „nicht kann“ . Er zog die Mütze vom Kopf und sagte, es sei nur ein Scherz. Dann umarmte er die Ladeninhaberin, mit der er per du war.
Danach unterhielt er sich mit ihr, suchte aber zwischendurch vergeblich nach einem Zweitschlüssel für den Geldschrank. Als Anke Lorenz nach einer Weile vom Büro in den Laden ging, folgte er ihr und tötete sie mit mehreren Messerstichen. Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche der Toten, holte das Geld aus dem Tresor und die Kassette aus der Überwachungskamera. Nachdem er noch eine Kundin bedient hatte, flüchtete er. Am Nachmittag fuhr er mit seiner Freundin in den Harz zum Autokauf.
Gutachter Jürgen Rimpel schilderte den angeklagten jungen Finsterwalder als durchschnittlich intelligent, jedoch mit starken Minderwertigkeitsgefühlen belastet. Mit 14 Jahren war er an Epilepsie erkrankt, was ihn unter Altersgefährten in eine Außenseiterrolle drängte. Er konnte keinen Führerschein erwerben, sollte nicht in Diskotheken gehen, nicht rauchen, nicht trinken. Dass ihm später auch noch im Scheitelbereich die Haare völlig ausfielen, habe seine Selbstzweifel verstärkt. Eine Freundin zu haben und diese nicht zu verlieren, so der Neurologe und Psychiater Rimpel, sei deshalb für Daniel L. sehr wichtig gewesen.
Es war kein einfaches Gutachten, das der Chefarzt der Landesklinik für Psychiatrie in Lübben, gestern vor der Schwurgerichtskammer des Cottbuser Landgerichtes vortrug. Zweieinhalb Stunden lang erläuterte er, warum er überzeugt ist, dass Daniel L. voll schuldfähig war, als er die Inhaberin der Postagentur tötete. Dabei musste Rimpel vor allem der Frage nachgehen, ob die Epilepsie, an der der Angeklagte leidet, seine Schuldfähigkeit vorübergehend eingeschränkt haben könnte. Der Gutachter sagte Nein.
Sehr ausführlich schilderte er dem Gericht die verschiedenen Erscheinungsformen und Folgen von Anfallsleiden und eine eventuell dadurch verminderte Schuldfähigkeit. Für Daniel L. schloss er jedoch jede dieser Varianten auf Grund des Tathergangs, der Zeugenaussagen und den eigenen Angaben des Angeklagten aus. Das Handeln von Daniel L. vor, während und nach der Tat sei zielgerichtet und logisch nachvollziehbar gewesen. Mehrmals habe er in kurzer Zeit seine Pläne situationsbedingt geändert. „So handelt kein Mensch in einem Dämmerzustand oder unter wahnhaften Vorstellungen“ , sagte Rimpel.
Die Frage, warum Daniel L. sich jedoch entschied, Anke Lorenz zu erstechen, warum er nicht erneut versuchte, seiner Freundin eine Lüge über das erwartete Geld aufzutischen, konnte auch der Gutachter nicht beantworten. „Vielleicht weiß er das selbst nicht genau“ , sagte Rimpel mit einem Blick auf den ihm gegenüber sitzenden Angeklagten.
Dem droht nun eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für Donnerstag werden die Schlussvorträge von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung in dem Prozess erwartet.