Es begann mit einer Straßensperrung Anfang Oktober. Baufahrzeuge der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) konnten dadurch Erdmassen, die bei Sanierungsarbeiten anfielen, nicht mehr zu einem Lagerplatz bringen. Als zeitweiliger Ersatz wurde ein Gelände im ehemaligen Tagebau Spreetal zwischen Hoyerswerda und der Landesgrenze zu Brandenburg ausgewählt. Was niemand ahnte: Das Kippen-Erdreich in einer Senke war durch überdurchschnittlich viel Regen in den vorangegangenen Wochen völlig durchnässt.

“Das setzt die Tragfähigkeit von Kippenböden herab„, sagt Michael Dennhardt, unabhängiger Gutachter, der das Unglück im Auftrag der LMBV untersucht hat. Tagelang fuhren schwere Lastwagen über den neuen Lagerplatz, ohne dass etwas passierte. Doch als der abgelagerte Bodenaushub mit mehr als neun Tonnen Gewicht die Tragfähigkeit des nassen Untergrundes überschritt, nahm das Unheil nach Schilderung von Dennhardt in einer Kettenreaktion seinen Lauf.

Drei Meter hohe Welle

Auf einer Fläche von etwa einhundert mal fünfzig Metern verflüssigte sich der Untergrund regelrecht, sodass der Boden nach unten wegsackte. Das hatte eine so starke Wirkung auf den umgebenden Kippenboden, dass sich im Laufe einer Viertelstunde zwei bis drei Millionen Kubikmeter Erde in Richtung des benachbarten Bergener Sees in Bewegung setzten. Bis zu drei Metern hoch war die Sand- und Wasserwelle, die alles mit sich riss.

“Grundbruch„ nennen Fachleute diesen Vorgang, der mehr als 100 Hektar Land, etwa 80 Tiere einer Schafherde und mehrere Lastwagen verschluckte. Vier der Fahrer konnten sich selbst in Sicherheit bringen, der Fünfte wurde von einem Hubschrauber aus gerettet. Die verschütteten Lastwagen sollen in absehbarer Zeit wieder geborgen werden.

Das Ergebnis der Unglücksuntersuchung von Spreetal stellten die LMBV und das sächsische Oberbergamt zusammen mit Gutachter Dennhardt am Dienstag im sächsischen Freiberg vor. “Wir legen großen Wert auf Transparenz unserer Arbeit„, betonte LMBV-Geschäftsführer Mahmut Kuyumcu und nannte erste Konsequenzen: “Das Sanierungskonzept insgesamt wird nicht infrage gestellt, aber es ist eine umfassende neue Bewertung solcher Innenkippen notwendig.„ Bis Ende März soll diese Bewertung abgeschlossen sein. “Dann wissen wir, wo weitere Sicherungsmaßnahmen notwendig sind„, so der LMBV-Chef.

Seit dem Spreetal-Unglück sind rund 33 000 Hektar solcher sanierter Kippenböden in Abstimmung mit den obersten Bergbehörden von Sachsen und Brandenburg vorsichtshalber gesperrt worden. Zwei Drittel davon liegen in Brandenburg, ein Drittel in Sachsen. Etwa 50 Eigentümer, Forst- und Landwirte, können dadurch ihre Grundstücke vorübergehend nicht nutzen. Den von der Rutschung Betroffenen und den Eigentümern der zurzeit gesperrten Flächen versprach Kuyumcu schnelle und unbürokratische Hilfe und Entschädigung. Erste Abschläge seien bereits überwiesen worden.

Unterirdische Verdichtung

Doch das Unglück von Spreetal brachte auch positive Erkenntnisse. Denn als stabil hätten sich bei dem Unglück, so Fachleute von LMBV und sächsischem Oberbergamt, die durch Erdverdichtung geschaffenen “unterirdischen Dämme„ erwiesen. Mehr als eine Milliarde Kubikmeter Kippenböden sind inzwischen insgesamt vom Altbergbau-Sanierer LMBV für diese Stabilisierungsbauwerke mit Rüttellanzen und Sprengungen verdichtet worden.

Entwarnung konnte LMBV-Chef Mahmut Kuyumcu für das Lausitzer Seenland geben. Die Restlochkette im sächsisch-brandenburgischen Grenzgebiet, an die große Hoffnungen für den Tourismus geknüpft werden, sei durch die Erkenntnisse über die Spreetal-Rutschung nicht gefährdet, versichert er.

Die Lausitz, in der sich von Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) im Osten bis Lübben (Dahme-Spreewald) im Norden und Berzdorf (Görlitz) im Süden zahlreiche ehemalige Kippenflächen befinden, wird auch künftig auf diese Besonderheit Rücksicht nehmen müssen. Das macht Kuyumcu deutlich. Dazu gehörten Nutzungseinschränkungen, wie eine begrenzte Achslast für Fahrzeuge, die darüber fahren dürfen. Ob innerhalb der LMBV bei der Auswahl des Ersatzlagerplatzes, der zum Erdrutsch von Spreetal führte, kein Fehler gemacht wurde, untersucht eine interne Kommission. Ihr Bericht, so LMBV-Chef Kuyumcu, werde in Kürze dem sächsischen Oberbergamt in Freiberg vorgelegt.

Zum Thema:

Schafe bleiben verschwundenEtwa 80 Schafe aus einer Herde von 280 Tieren befanden sich im Rutschungsgebiet. Einige waren kurz darauf auf einem unzugänglichen Landstück gesichtet worden. Mindestens ein Schaf fand allein zur Herde zurück. Tage später seien bei einem Hubschrauberflug über das Gebiet keine Schafe mehr beobachtet worden. Der Verbleib der restlichen Tiere sei ungewiss, so die LMBV.