In der ukrainischen Kleinstadt Wradijewka tobt ein Volksaufstand: Steine fliegen, Glas splittert, es riecht nach Tränengas, Warnschüsse hallen durch die Luft. Hunderte belagern eine Polizeistation. Beamte sollen eine junge Frau vergewaltigt haben. Wut erfasst die Bewohner, denn wieder einmal, so fürchten sie, werden Täter von ihren Kollegen gedeckt. Der Fall beweise erneut die Verkommenheit der Staatsschützer in der Ex-Sowjetrepublik, meint der Oppositionspolitiker und Boxweltmeister Vitali Klitschko.

Behördenwillkür, Korruption und Vetternwirtschaft: Im zweitgrößten Flächenstaat Europas habe der Vertrauensverlust in die Institutionen ein historisches Tief erreicht, schreibt das Wochenmagazin "Korrespondent". Umfragen zufolge ist das Vertrauen in Politik, Polizei und Justiz minimal.

Wer vor Gericht kommt, hat kaum eine Chance. 2012 gab es bei fast 165 000 Anklagen nur 275 Freisprüche. Auch die Europäische Union kritisiert wiederholt Justizwillkür. Der Fall der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, die wegen Amtsmissbrauchs eine umstrittenen Haftstrafe absitzt, erschwert die Annäherung an den Westen noch.

Als Beispiel für Vetternwirtschaft nennt die Opposition auch die horrenden Kosten der Fußball-Europameisterschaft 2012. Derzeit hat das Land den Vorsitz der renommierten Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) inne. Doch von einer internationalen Führungsrolle ist die Ukraine weit entfernt. Unter Präsident Viktor Janukowitsch seien staatliche Strukturen verfallen, kritisieren Experten. Beamte führten sich auf dem Land oft wie Könige auf. Als Symbol gilt der brutale Vorfall in Wradijewka, rund 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Kiew. Dort geht die 29-jährige Irina zu Fuß von der Disco nach Hause. Plötzlich hält ein Auto, drei Männer zerren die alleinerziehende Mutter hinein und fahren in einen Wald. Dort vergewaltigen die Täter die junge Frau und prügeln sie fast zu Tode. Dann überlassen sie ihr Opfer blutüberströmt und nackt seinem Schicksal. Irina kann sich in ein Krankenhaus retten und Namen nennen - zwei Angreifer werden verhaftet. Der mutmaßliche Anführer aber, der seit Jahren die Kleinstadt terrorisiert, bleibt zunächst auf freiem Fuß. Er soll der Patensohn des regionalen Polizeichefs sein. Die Tat in Wradijewka erinnert an einen Fall im nahen Nikolajew vor einem Jahr: Dort vergewaltigten Männer eine 18-Jährige und zündeten sie an.

Die Frau starb qualvoll. Die Täter waren Verwandte wichtiger Offizieller, bestraft wurden sie erst nach lautstarken Protesten. "Hier hasst man die Polizei", zitiert die Zeitung "Ukraine Moloda" einen Mann namens Oleg, der am Sturm auf den Milizposten beteiligt ist. Von "Banditen in Uniform" spricht der Timoschenko-Vertraute Arseni Jazenjuk.