Hunderttausende Ägypter gingen Anfang 2011 auf die Straße. Sie demonstrierten gegen Ägyptens damaligen Diktator Husni Mubarak. Am Samstagabend zogen etwa tausend Ägypter zum Tahrir-Platz und demonstrierten wieder gegen Mubarak - diesmal weil ein Gericht ein Verfahren gegen ihn eingestellt hatte. Damals wie heute riefen die Protestler voller Inbrunst: "Das Volk will den Sturz des Systems!" Der Satz wurde 2011 zur machtvollen Parole des Aufstands gegen den Langzeitmachthaber. Nun, knapp vier Jahre später, klingt er eher verzweifelt.

Rund drei Jahre lang hatte sich der heute 86-jährige Husni Mubarak vor einem Strafgericht in der Hauptstadt Kairo wegen des Todes von mehr als 800 Demonstranten zu verantworten. Die Staatsanwaltschaft forderte die Todesstrafe. Seit Samstag kann Mubarak sich rehabilitiert fühlen. Das Gericht ließ die Anklage wegen des Todes der Demonstranten fallen. Von Korruptionsvorwürfen sprach es ihn frei - ebenso seine Söhne Gamal und Alaa. Ein Urteil will Richter Mahmud al-Raschidi "der Geschichte und Gott" überlassen.

Als der Richter seine Entscheidung verkündete, brach Jubel im Gerichtssaal aus. Über das Gesicht des Angeklagten huschte eine kurze Regung, die wie Erleichterung aussah. Da Mubarak in einem früheren Prozess wegen Veruntreuung verurteilt wurde, wird er hinter Gittern bleiben.

Die Entscheidung des Gerichts ist ein Schock für viele Ägypter, die Anfang 2011 gegen Mubaraks Herrschaft auf die Straße gegangen waren. Der Sturz des Diktators am 11. Februar und die rasche juristische Verfolgung standen als Symbole für den Erfolg der "Revolution" in Ägypten.

Doch der jetzige Richterspruch ist ein weiteres Zeichen dafür, dass das "System Mubarak" nie wirklich verschwunden ist. Es scheint sich wieder zu etablieren. Nicht nur Mubarak verlässt den Gerichtssaal ohne Schuldspruch - den früheren Innenminister Habib al-Adli und sechs weitere Mitangeklagte spricht das Gericht sogar von allen Vorwürfen frei, für den Tod der Demonstranten verantwortlich gewesen zu sein. Auch heute sitzen wieder Tausende in Haft. Präsident Abdel Fattah al-Sisi verfolgt vor allem die Muslimbrüder und andere Islamisten ohne Gnade.

Ägyptische Sicherheitskräfte waren auf das Prozessende gut vorbereitet. Als sich am Samstagabend wütende Demonstranten in der Kairoer Innenstadt versammelten, fuhr das Militär Panzer vor dem Tahrir-Platz auf. Der Zugang zum einstigen Zentrum der Revolution: nun versperrt. Als das Militär die Proteste auflöste, kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums zwei Demonstranten ums Leben, mindestens neun weitere wurden verletzt.