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| 18:30 Uhr

Verfolgt und bedroht

Sich grundlos verfolgt oder bedroht fühlen – dies kann auf Schizophrenie hindeuten.
Sich grundlos verfolgt oder bedroht fühlen – dies kann auf Schizophrenie hindeuten. FOTO: Chromeorange/Bilderbox
Berlin. Diagnose Schizophrenie: Die Krankheit ist komplex, rätselhaft – und hat viele Facetten. Komplett heilbar ist sie nicht, aber die Symptome lassen sich mit Medikamenten oft gut in den Griff bekommen – dennoch gibt es Fälle wie aktuell den Geisterfahrer auf der A 13 oder den U-Bahn-Schubser von Berlin, bei denen Betroffene im Wahn Straftaten begehen können. Ein Krankheitsbild. Sabine Meuter

Sich vom Geheimdienst verfolgt oder von Nachbarn bedroht fühlen - und mitunter Stimmen hören, die einem wieder und wieder zuraunen: "Du kannst nichts. Du bist nichts wert. Du bist der letzte Dreck." Solche Symptome können auf eine schwere psychische Erkrankung hindeuten: Schizophrenie.

Kaum jemand bekennt sich zu dem Leiden öffentlich. Denn Schizophrenie löst Ängste und Vorbehalte aus: Betroffenen wird unterstellt, unberechenbar zu sein und zur Gewaltanwendung gegen andere zu neigen. Sie werden häufig als Irre abgestempelt, die in eine Nervenheilanstalt gehörten. "Unter solchen Vorurteilen leiden wir Betroffene immens", erklärt Ansgar Trappen*. Dabei gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Menschen, die an einer schizophrenen Psychose erkrankt und in Behandlung sind, gefährlicher als andere sind.

Ein Prozent betroffen

An Schizophrenie erkrankt "weltweit etwa ein Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben", sagt die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin Christa Roth-Sackenheim. Sie ist Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater (BVDP) in Berlin. Bei Schizophrenie kommt es zu zeitweiligen schweren Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und des Erlebens.

"Das kann mit Beeinträchtigungen oder sogar mit dem Verlust des Realitätsbezugs einhergehen", erklärt die Psychiaterin und Psychotherapeutin Iris Hauth. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde mit Sitz in Berlin. Wie genau sich Schizophrenie äußert, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. "Neben Verfolgungswahn und Stimmenhören fühlen die einen sich beispielsweise von außen gesteuert, bei anderen sind Gedankenprozesse gestört."

Daneben gibt es Fälle, bei denen Betroffene in ihrer Leistungsfähigkeit einen Knick erleben, sich aus sozialen Kontakten zurückziehen, antriebslos werden und keine Freude mehr haben. Was bei Schizophrenie im Körper exakt abläuft, ist wissenschaftlich noch nicht bis ins letzte Detail erforscht. "Fest steht, dass in akuten Krankheitsphasen bestimmte Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten", erläutert Roth-Sackenheim.

Stress kann Auslöser sein

Die Ursachen hierfür können eine erbliche Veranlagung sein, aber beispielsweise auch akuter Stress. Drogen wie Cannabis können ebenfalls den Ausbruch einer schizophrenen Erkrankung begünstigen. Treffen kann es vor allem Jüngere zwischen 18 und 35 Jahren. Bei Männern tritt Schizophrenie häufig früher auf als bei Frauen. Warum das so ist, ist wissenschaftlich noch unklar. In einigen Fällen kommt es zu Schizophrenie auch erst im Alter. Vor allem Frauen in den Wechseljahren sind dann betroffen.

Für Fachärzte ist es nicht immer einfach, Schizophrenie zu diagnostizieren - gerade, wenn sie sich erstmals in der Pubertät zeigt. In dieser Phase ist es nicht selten, dass sich Jugendliche stundenlang in ihrem Zimmer einschließen. "Für die Diagnose Schizophrenie müssen in jedem Fall mehrere Faktoren zusammenkommen - neben einem Rückzug etwa das Hören von Stimmen als Trugwahrnehmung oder Verfolgungswahn", erklärt Roth-Sackenheim.

Behandelt wird Schizophrenie mit Medikamenten. "Zusätzlich ist eine Psychotherapie zu empfehlen, um etwas gegen Symptome wie Angst oder Antriebslosigkeit zu tun", sagt Hauth. Ein Viertel aller Patienten hat einmal im Leben eine sogenannte Episode, und wenn sie dann gut therapiert wird, nie wieder. "Eine Episode bedeutet, der Betroffene zeigt derart akute Symptome, dass ein Aufenthalt in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie nötig ist." In drei Viertel aller Fälle kommt es danach zu Rückfällen, oft auch erst Jahre später.

Zeichen rechtzeitig erkennen

So war es auch bei Ansgar Trappen. Der heute 58-Jährige war 18 Jahre alt, als er erstmals wegen einer schizoaffektiven Psychose stationär behandelt wurde. Nach diesem Klinik-Aufenthalt war sein Zustand zunächst stabil. Trappen zeigte keinerlei Symptome. Auf Anraten seiner Ärztin setzte er die Medikamente ab, die ihm verschrieben worden waren. Er absolvierte eine Ausbildung, ging einer geregelten Arbeit nach und machte auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach. Er heiratete und wurde Vater von zwei Kindern. Doch als die Trennung von seiner Frau anstand, kam es 16 Jahre nach der ersten Episode zu einem Rückfall. Trappen landete erneut in der Psychiatrie.

Inzwischen hat er gelernt, Anzeichen auf eine neue Episode zu deuten - und vorbeugend zu handeln, damit es nicht zu einem erneuten Klinik-Aufenthalt kommt. "Wenn mir alles zu viel wird, dann versuche ich, bei langen Spaziergängen zur Ruhe zu kommen", sagt er. Wichtig ist aus seiner Sicht, eigene Probleme offen anzusprechen und darüber mit vertrauten Menschen zu sprechen.

Wer den Verdacht hat, an Schizophrenie zu leiden, kann ein Früherkennungszentrum an einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie aufsuchen. Rat und Hilfe bieten auch Selbsthilfegruppen und Netzwerke.

Zum Thema:
Schizophrenie als Auslöser von Straftaten, die ihm Wahn begangen werden? Auch das gibt es. Einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Geisterfahrt mit schwerem Unfall: Vor der Jugendstrafkammer des Cottbuser Landgerichts hat am Montag die Verhandlung um einen 22-Jährigen begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im Februar vergangenen Jahres bei einer dramatischen Amokfahrt über die Autobahnen A 13 und A 15 mehrere Menschen verletzt und mehrere Autos zerstört zu haben. Vor Gericht muss nun geklärt werden, ob er schuldfähig ist. Ärzte haben eine psychiatrische Krankheit diagnostiziert. Der Staatsanwalt spricht von einer "paranoiden Schizophrenie".

Frau vor die U-Bahn geschubst: Dieser Fall vor rund einer Woche aus Berlin schockierte ganz Deutschland: Eine 20-Jährige wird von einem Mann vor die U-Bahn geschubst und stirbt. Was genau geschehen ist, wird noch ermittelt. Der Täter soll laut bisherigen Erkenntnissen im Wahn gehandelt haben. Er ist jetzt in der Psychiatrie, es gibt Hinweise auf Schizophrenie. Einem Gutachten zufolge könnte er schuldunfähig sein.

Mutter erschlagen: Ein Stoß, eine Rangelei im Wasser und ein Schlag mit einem großen Stein: Im April 2015 kommt im Zillierbach in Wernigerode eine 72-Jährige ums Leben. Ihr Sohn hat sie getötet - das gab der 48-Jährige vor Gericht zu. Einem Gutachter zufolge wurde eine wahnhafte Psychose und eine Schizophrenie diagnostiziert.

Nachbar erstochen: Ein 54-Jähriger aus Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree) ist im Oktober vergangenen Jahres vom Gericht in die Psychiatrie eingewiesen worden. Laut Gericht hat er seinen Nachbarn im Wahn umgebracht. Er hatte sich offenbar von dem Nachbarn bedroht gefühlt. Das Gericht ordnete dies als "Wahngebilde" ein.