Der "Bombenfund" an der A15 zwischen Forst und Roggosen hat für viel Wirbel in der Region gesorgt. Trotz der falschen Einschätzung der Lage gilt: Lieber einmal zu viel gewarnt, als später Opfer und Sachschäden zu beklagen. Denn im Boden lauern vielerorts tödliche Gefahren aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Aber warum überhaupt sind 71 Jahre nach Kriegsende Blindgänger noch immer eine so große und zum Teil wachsende Gefahr? Nach dieser Zeit im Boden bei Hitze, Frost und Feuchtigkeit? Weil die Sprengstoffe noch immer stabil und zündfähig sind, sagt Peter Bodes, Leiter des Hamburger Kampfmittelräumdienstes. "Den Explosivstoffen werden in der Herstellung phlegmatisierende Stoffe, also beruhigende Komponenten, beigefügt. Erst so werden Sprengstoffe lagerfähig, transportfähig und überhaupt - wie in diesen Fällen - für Soldaten handhabbar", erklärt der Sprengmeister gegenüber der RUNDSCHAU.

Im Laufe der Jahrzehnte würden gerade diese phlegmatisierenden Stoffe in den Blindgängern altern, die Gefährlichkeit nimmt daher also zu. Zudem spielten Korrosionsprozesse im Bereich der Zünder eine Rolle. Erst in den vergangenen Jahren wurde bekannt, dass sich innerhalb der Aufschlagzünder berührungsempfindliches Tetraminkupferzweinitrat bildet, sodass sich auch bei der Entschärfung von Aufschlagzündern die Gefahr zweifelsfrei erhöht hat.

Von den Engländern wurde zwar Messing für das Zündergehäuse verwendet, aber die für die Sicherung relevanten innenliegenden Eisenteile verrotten natürlich schneller wie das Zündergehäuse. Außerdem kann der Zünder beschädigt sein oder es wurde zusätzlich eine Ausbausperre gegen die Entschärfer verbaut. Die tödliche "Luftfracht" habe bis heute nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren, so Peter Bodes.

Ein besonderes Kapitel seien die chemischen Langzeitzünder bei Blindgängern, bestätigt auch Prof. Wolfgang Spyra, weltweit anerkannter Kampfmittelbeseitiger und bis Februar 2012 Inhaber des Lehrstuhls Altlasten an der BTU Cottbus. Bei diesem tückischen Zündmechanismus laufe ein chemischer Prozess sehr langsam ab. Gestartet würde der Prozess mit dem Abwurf der Bombe und sei dann nicht mehr zu stoppen, weist der Professor auf die Gefahr hin. Dabei zersetzt eine Flüssigkeit - meist Aceton - einen Zelluloidring, der den Schlagbolzen hält. "Niemand kann vorhersagen geschweige denn berechnen, wann der Schlagbolzen freigegeben wird und mit einem Funken die Hauptladung zündet."

Einen großen Knall durch solch eine "tickende Zeitbombe" gab es im Dezember 2011 in Neuhausen (Spree-Neiße), als ein Blindgänger mit chemischem Langzeitzünder spontan explodierte. Auch auf Hitze reagieren die explosiven Hinterlassenschaften des Krieges. So gibt es zum Beispiel für die Feuerwehren im Bereich der Lieberoser Heide (Dahme-Spreewald/Spree-Neiße) besondere Einsatzplanungen, falls es zu Waldbränden auf dem Gelände kommt, auf dem Jahrzehnte als Truppenübungsplatz auch mit größeren Kalibern geschossen wurde.

Die sicherste Methode, das Teufelszeug loszuwerden, ist das Sprengen. Aber das geht natürlich gefahrlos für die Allgemeinheit in den wenigsten Fällen. Die rechtliche Lage sieht vor, dass außer dem Leben und der Gesundheit - natürlich auch der Kampfmittelbeseitiger - auch hochwertige Sachgüter zu schützen sind. Wenn sich also am Fundort ein für die Infrastruktur wichtiges Bauwerk befindet, dann sei die Entschärfung die erste Option, betont Wolfgang Spyra. Und wie letztlich vor Ort vorgegangen wird, darüber entscheide allein der verantwortliche Sprengmeister.

Natürlich gebe es Vorgaben und routinierte Handlungsabläufe, aber in gewisser Weise sei jeder Blindgänger einzigartig, sagt Peter Bodes. "Erst muss man da runter und erkunden. Und dass das gefährlich ist, ist ja wohl klar."

Wolfgang Spyra vermisst die Suche und Beschaffung von weiteren Luftbildaufnahmen aus den Archiven der Alliierten sowie deren Auswertung. Wie die Bearbeitung der Probleme in Oranienburg gezeigt habe, gibt es alliierte Luftbildaufnahmen, die den deutschen Behörden nicht zur Auswertung zur Verfügung standen. Diese würden weitere und bei der Auswertung von originalen Aufnahmen bessere Ergebnisse liefern.

Auf jeden Fall drängt die Zeit. Blindgänger werden immer schwieriger zu entschärfen. Bald sei es, so warnen die Experten, nicht mehr möglich, sie ohne Explosion unschädlich zu machen. Egal, wo sie gefunden werden.

Zum Thema:
Die am höchsten belastete Stadt ist Oranienburg. Mehr als 10 000 Bomben fielen während des Zweiten Weltkriegs bei 13 Angriffswellen, pro Quadratkilometer mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Bis zu 1500 detonierten nicht. Etwa 200 wurden zu DDR-Zeiten unschädlich gemacht, seit der Wende ungefähr die gleiche Zahl.Besonders tragisch war der Ausgang eines Einsatzes am 1. Juni 2010 in Göttingen: Drei Kampfmittelexperten kamen ums Leben. Es gab sechs Schwerverletzte. Ein Roboter sollte eine 500-Kilo-Bombe mit Langzeitzünder entschärfen. Eine Stunde vor dem geplanten Einsatz der Technik explodierte die Bombe, ohne dass einer der Sprengmeister direkt an ihr gearbeitet hätte.