An der oberen Berliner Straße treten die Spuren der Zeit besonders deutlich zutage. An der einstigen Prachtpromenade zwischen Bahnhof und Demianiplatz reihen sich leere Fensterhöhlen und vernagelte Türen aneinander, Putz bröckelt vom Mauerwerk. Nur vereinzelt zeigt sich das triste Grau von Spuren frischer Tünche übertönt. Mitten dazwischen das Haus mit der Nummer 42, ein Viergeschosser mit reich gegeliederter und verzierter Fassade. Über der breiten Schaufensterfront im Erdgeschoss prangt noch in HO-typischen Lettern das Wort "Täschnerwaren." "Früher befand sich im Hinterhaus eine Betriebsstätte des Lederwarenkombinates, im Vorderhaus wurden die Waren verkauft", erzählt Daniel Breutmann, einer der Aktivisten von "Görlitz 21". Und gerade das Gebäude Berliner Straße 42 haben sie sich für den Start ihrer Aktivitäten ausgesucht. Eine schier übermächtige Aufgabe, wie ein erster Blick ins Innere des Gebäudes zeigt. Die Pappen, die die einstigen Glasscheiben ersetzen, lassen nur wenig Licht hinein. Der Putz hält sich nur noch mühsam an den Wänden. Nahezu bedrohlich wirkt der hintere Teil des Gebäudes: eine hohe, schier endlose, dabei dunkle und kalte Halle, die bis zur Salomonstraße reicht. Im Vorderteil sitzt Philipp von Haymerle auf einem blauen Sessel mit buntem Stoffbezug. "Uns geht es nicht darum, das Gebäude zu sanieren", erklärt der junge Mann. "Das würde die Möglichkeiten unseres Vereins bei weitem übersteigen." Es erfolge lediglich eine notdürftige Instandsetzung, sodass die Räume im Erdgeschoss des Vorderhauses genutzt werden können. "Es soll von außen zu sehen sein, dass hier etwas passiert", erläutert von Haymerle das Ziel des Vereins. Die Passanten sollen sich die Nase an der neu eingesetzten Glasscheibe platt drücken, neugierig, was "da drin vor sich geht." Der erste große Auftritt des Hauses Berliner Straße 42 ist für Mai geplant. Dann findet erstmals der "Görlitzer Kunstmai" statt, eine Aktion unter maßgeblicher Beteiligung polnischer Künstler. Aus diesem Anlass soll hier eine kleine Galerie eröffnet werden - eine dankbare Aufgabe für von Haymerle, der an der hiesigen Fachhochschule Kulturmanagement studiert hat und jetzt auf diesem Gebiet beruflich tätig ist. "Ich komme ursprünglich aus Bayern, war aber sofort von Görlitz begeistert und habe mich dazu entschlossen, hier zu bleiben", erklärt er. Mittlerweile hat er Wurzeln geschlagen und eine Familie gegründet. Die Eigentümer der Nummer 42, eine Familie aus den Niederlanden, sind mit den Aktivitäten des Vereins einverstanden und freuen sich über die temporäre Nutzung des Hauses. In der Perspektive will "Görlitz 21" in erster Linie als Vermittler zwischen Eigentümern und Nutzungsinteressenten auftreten. "Wächterhaus bedeutet, dass wir über das Haus wachen, auf es Acht geben", erklärt Philipp von Haymerle. Hauserhaltung durch Nutzung verhindert Vandalismus und beugt Wetterschäden vor. Und vielleicht wird ja eines Tages ein finanzkräftiger Investor aufmerksam, der das Gebäude nachhaltig sanieren kann - dann gibt es zumindest ein vom Verfall bedrohtes Haus weniger in Görlitz.