Für Maiken Schulz ist es der erste Tag alleine. So lange sie zurückdenken kann, war sie nie alleine. Und an diesem Tag, dem Tag einer bitteren Premiere, hat sie sich für Bücher entschieden.

Sie steht zwischen den Kartons, in denen sich Romane, Sachbücher, Bildbände, CDs, DVDs und Broschüren stapeln. 20 Paletten mit Kartons.

Simmels „Wir heißen euch hoffen“ neben Alexei Remisows „Schwestern im Kreuz“. Bildbände über die Sächsische Schweiz neben Wolfgang Dietrichs „Vom Sinn des Soldatenseins“.

Bücher, deren Werte so unterschiedlich sind wie ihre Inhalte: In einer Kiste steckt neben einem Gartenbuch ein alter Porzellan-Katalog aus dem Jahre 1910, für den Kenner antiquarisch über 200 Euro zahlen. Hier und jetzt für einen Euro.

Aber Maiken Schulz sucht an diesem Tag keine Reichtümer. Sie sucht keine zwischen Buchdeckel gepresste Romanze. Sie sucht ein altes Kinderbuch – „Gänseblum und Löwenzahn“. Ein eigenartig spezifischer Wunsch – in einem Lager voller Bücherkisten.

„Aus dem Buch habe ich immer meinem Sohn vorgelesen, als er klein war“, sagt sie. Vor einigen Jahren ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Gestern starb ihr Mann nach langer Krankheit.

Um Maiken Schulz herum drängen sich Menschen, treten ihr hier und da auf die Füße, die Blicke immer konzentriert auf die Kisten mit den Büchern gerichtet.

Ein Publikum, das so unterschiedlich ist wie die Bücher, in denen sie blättern. Die allermeisten suchen nichts Spezielles. Kinder, die mit großen Augen nach Fundstücken wühlen. Ein Ehepaar, das Bücher über alte Gartenanlagen sammelt. Zwei Schülerinnen, die so viele historische Liebesromane mitnehmen, wie sie tragen können.

Einige graben sich bedächtig in die Bücherberge, teilen die Buchdeckel fast andächtig, achten peinlich darauf, keine Seiten zu knicken. Andere wiederum stürzen sich schnell, fast hektisch in die Büchersuche.

Am Zelteingang stehen die Helfer von „Wir helfen“. Die Hände vor Kälte tief in die Taschen vergraben. Teilweise von einem Fuß auf den anderen wechselnd, während der eisige Wind über den Platz fegt.

Ein Mann legt zwei Bildbände auf den Tisch, zahlt aber für zehn. „Ist ja für einen guten Zweck.“

Ein anderer Käufer zuckt zusammen, als er hört, dass seine zwei Bücher zwei Euro kosten sollen. Beschämt kramt er in seinen Taschen, in seinem Geldbeutel. 57 Cent bekommt er zusammen. Der Helfer hat ein Einsehen: Geschenkt. Ist ja fast der erste Advent.

Ein anderer zögert bei zehn Euro für seine zehn Bücher. „Ist für einen guten Zweck“, sagt er. Zwei-, dreimal wiederholt er den Satz wie ein Mantra, bevor sich seine Finger von dem Geldschein lösen und der Helfer das Geld in Empfang nehmen kann. Andere lassen nicht so schnell los: Versuchen vor Ort noch zu verhandeln.

So unterschiedlich sie sind – an diesem Tag helfen sie alle einem gemeinsamen Zweck. Helfen Familien, die durch Krankheit in finanzielle Not geraten sind, helfen bei privaten Katastrophen.

Inzwischen hat Maiken Schulz drei Stunden und 25 Minunten nach dem Buch gesucht, doch nicht gefunden. Zur Kasse trägt sie schließlich „Musen leben länger. Gespräche mit Dichterwitwen“ und „Eine Zeit zum Lachen.“

Zum Thema:

Die Wir-Helfen-Basare in Cottbus und Lübben lockten Hunderte Besucher an, zum Bücherkauf, zur Teilnahme an einer Tombola, zum Kauf von gespendeten Kuchen und vielem mehr. Die Erlöse von rund 10 500 Euro kommen Bedürftigen zugute. 2010 half der Verein allein in Cottbus 280 Familien. Mehr unter www.lr-online.de/wirhelfen.