"W en n du merkst, dass dein Pferd tot ist, steig ab", raten die Dakota-Indianer. Im Syrien-Konflikt scheint dieser Moment jetzt gekommen zu sein. Die einstigen Unterstützer von Präsident Baschar al-Assad lassen ihren Schützling fallen, weil sie nicht mehr an dessen politisches Überleben glauben. Einige von ihnen könnten Gefallen an dem Vorschlag finden, den Syriens Vizepräsident Faruk al-Scharaa jetzt in einem Interview einer libanesischen Zeitung lanciert hat. Al-Scharaa wirbt für Verhandlungen mit der von Assad verteufelten Exil-Opposition und für die Bildung einer Regierung der nationalen Einhei t.

Erst hatten die Chinesen ganz diskret Kontakte zu Assads Gegnern aufgenommen. Dann streckten auch die Russen ihre Fühler in Richtung Opposition aus. Und jetzt fallen dem Machthaber auch noch die Iraner mit einem Sechs-Punkte-Plan in den Rücken, der die Freilassung aller politischen Gefangenen vorsieht.

Damit bleibt der Generalsekretär der libanesischen Schiiten-Bewegung Hisbollah, Hassan Nasrallah, der Einzige, der noch nicht die Seite gewechselt hat. In einer Rede vor Hisbollah-Anhängern erklärte er noch am Sonntag, das syrische Volk stehe auf der Seite des Regimes. Den Golfarabern und den westlichen Staaten warf er vor, sie hätten "Al Qaida den Weg nach Syrien geebnet".

Dass die einstige Assad-Unterstützerfront jetzt zerbröselt, hat sowohl mit den militärischen Geländegewinnen der Rebellen als auch mit dem wachsenden politischen Erfolg der vormals etwas konfusen Opposition zu tun. Zwar ließ Moskau noch vor einigen Tagen Berichte dementieren, wonach die Russen Assad schon aufgegeben haben sollen. Kurz darauf verlautete jedoch aus Oppositionskreisen, das russische Außenministerium habe Kontakt zu Moas al-Chatib, dem Vorsitzenden des syrischen Oppositionsbündnisses, aufgenommen, um mit ihm über die Bildung einer Übergangsregierung zu sprechen.

Auch die westlichen Regierungen möchten noch einige Pflöcke einschlagen, bevor Assad eventuell aus Damaskus flieht oder von seinen Gegnern getötet wird. Sie unterstützen die Nationale Syrische Allianz (SNA), der Al-Chatib vorsteht. Allerdings sind sie sich nicht sicher, ob die Allianz nach dem Sturz des Regimes in Syrien auch anerkannt wird, oder ob nicht einige Rebellenkommandeure versuchen werden, die Macht an sich zu reißen.

Spannend ist jetzt die Frage, ob die Opposition auf das Angebot von Al-Scharaa eingehen wird. Der in den USA lebende Dissident Mohammed al-Abdullah bemerkte nach der Veröffentlichung des Al-Scharaa-Interviews abfällig, Al-Scharaa sei nicht mehr als ein Sprachrohr des Regimes: "Er ist nur ein Beamter, der das sagt, was man ihm aufschreibt."

Chalid Chodscha ist der Ansicht, dass Al-Scharaa mit seinem Vorstoß etwas spät kommt. "Die USA und Russland haben sich bereits auf die Bildung einer syrischen Übergangsregierung verständigt", sagt der in Istanbul ansässige Dissident. Doch einen Schönheitsfehler habe der Plan, auf den sich Washington und Moskau geeinigt hätten: "Die Frage, was mit Assad werden soll, bleibt offen. "