Die Brechstange, mit der die Wand des Getränkeautomaten aufgehebelt wurde, steht noch an der Wand. Daneben liegt die leere Geldkassette. Das Werkzeug mussten die Einbrecher nicht mitbringen, die in der Nacht in eine große Werkstatt am Rande von Cottbus eindrangen. Stemmeisen gibt es dort reichlich, um Schränke aufzubrechen. An einem alten Tresor zeugen Kratzspuren indes davon, dass die unbekannten Eindringlinge hier scheiterten.
Früh um halb sechs war der Einbruch entdeckt worden. Eine halbe Stunde später ist Kriminaltechniker Joachim Konzack bei der Spurensuche. Er bepinselt mit einem dunklen Pulver Griffpartien an Schränken und Türen. Dann sucht er mit der Lupe nach verwertbaren Fingerabdrücken, fotografiert Werkzeugspuren an Türen und Fenstern. Bei der Arbeit trägt er dünne Latexhandschuhe, um keine Spuren zu verfälschen. Einen leeren Kamerakarton, den die Täter vermutlich in der Hand hatten, packt Konzack ein: „Den werden wir mit einer speziellen Substanz bedampfen, da finden wir vielleicht noch Fingerabdrücke.“
Fritz Gassan befragt inzwischen die Werkstattmitarbeiter, lässt sich erklären, ob und wie die Außentür abgeschlossen war, wann der Wachschutz kontrolliert hat. Gassan ist Sachbearbeiter bei der Kripo und an diesem Morgen für das Protokoll verantwortlich. Nach einer Stunde ist die Polizeiarbeit in der Werkstatt beendet. Zurück in ihrem Büro bleibt den Kriminalbeamten kaum Zeit für einen Kaffee. Der nächste Tatort wartet.
Einbruch in ein Blumengeschäft in der Innenstadt. Die Tür ist trotz des Stahlrahmens aufgebrochen, die Kassette mit den Wochenendeinnahmen ist weg. Wieder Fotografieren, Pinseln, Fingerabdrücke suchen, Mitarbeiter befragen. Jeder dritte Einbruch in Cottbus kann, wenn auch manchmal erst nach Monaten, aufgeklärt werden.
Gassan und Konzack gehören zur Cottbuser Kriminalwache. Es ist die einzige Dienststelle in der Region, in der rund um die Uhr Kriminaltechniker und -beamte einsatzbereit sind, um sofort zu einem Tatort zu fahren. Nach Dienstschluss der Kriminalpolizei in den Wachen Guben, Forst und Spremberg stehen sie auch für den Spree-Neiße-Kreis bereit. Tagsüber gibt es einen „Schwerpunktdienst“ , der startbereit ist. „Fachleute sind schnell vor Ort, weil sie nicht erst von zu Hause kommen und in Cottbus Einsatzkoffer und Dienstwagen holen müssen“ , nennt Andreas Kaiser, Chef der Kriminalpolizei Cottbus/Spree-Neiße, einen wichtigen Grund für diese Struktur.

Schwerpunktdienst am Tag
Davon profitieren viele. Streifenpolizisten, die bis zum Eintreffen der Kriminalisten den Tatort sichern, kommen schneller zurück auf die Straße. Opfer von Straftaten und Zeugen müssen nicht lange warten, bis ihre Aussagen zu Protokoll genommen werden. Der Schwerpunktdienst am Tag hält den anderen Kollegen den Rücken frei, die sich auf ihre Ermittlungsarbeit konzentrieren können.
Die einzige Großstadt in der Region stellt auch den Schwerpunkt in Sachen Kriminalität dar. In den anderen Schutzbereichen der Lausitz und im Elbe-Elster-Land sind Kriminalisten und Kriminaltechniker nach Dienstschluss in Telefon-Bereitschaft. In Cottbus sind indes nach regulärem Dienstschluss in Spät- und Nachtschicht je drei Sachbearbeiter und zwei Kriminaltechniker abrufbereit. Wenn sie keinen Einsatz haben, fahren sie Zivilstreife. „Wir beraten gerade, ob wir das Schichtsystem auch auf den Tag ausdehnen“ , sagt der Leiter der Wache André Leisner. Ähnliche Wachen in Potsdam und Brandenburg/Havel sind an den Wochenenden und werktags nach 22 Uhr nicht besetzt.
Das Herzstück der Cottbuser Wache ist ein kleiner Raum, den die Beamten ihr „Callcenter“ nennen. Telefon, Computer auf dem Tisch, daneben knarzt leise der Polizeifunk. Von hier aus dirigiert ein Beamter die Einsätze. Nebenan stehen Tisch, Stühle, Kühlschrank, drei Kaffeemaschinen und mehrere Einsatzkoffer für die Kriminaltechniker. An einer Pinnwand hängen wichtige Telefonnummern: Jugendhilfe, Anwaltsnotdienst, Pizzaservice.
Die Räume selbst sind wenig einladend. Die Tapeten vergilbt, die noch aus DDR-Zeiten stammenden Fenster stumpf, die Rahmen grau. Renovieren lohnt sich nicht, die Polizei soll irgendwann in einen Neubau umziehen. Neben den aktuellen Einsätzen bearbeitet die Cottbuser Kriminalwache Laden- und Fahrraddiebstähle sowie die Suche nach vermissten Kindern und Jugendlichen. Die Kriminaltechniker erfassen alle klassischen Spuren: Abdrücke von Fingern, Schuhen, Reifen und Werkzeugen. „Bei Tötungsdelikten holen wir Spezialisten vom Polizeipräsidium in Frankfurt (Oder) und vom Landeskriminalamt dazu“ , sagt Wachenleiter Leisner. Zusätzliche Experten seien auch bei Bränden nötig. „Unsere Leute bleiben aber, wenn möglich, dabei und wirken bei der Tatortarbeit mit.“
Ob die Lausitzer Beamten auch künftig an ihrer Rund-um-die-UhrWache festhalten können, scheint ungewiss. Das Brandenburger Innenministerium hat angekündigt, bis 2009 jede fünfte Stelle bei der Kripo einzusparen. Dazu wird dieser Bereich der Polizei gerade durch das Ministerium überprüft und bewertet. Scharfe Kritik am geplanten Personalabbau übt der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). „Massendelikte mögen laut Statistik vielleicht zurückgehen, aber die schweren und ermittlungsintensiven Straftaten nehmen zu“ , warnt der Brandenburger BDK-Chef Wolfgang Bauch. Gerade in dünn besiedelten Gegenden werde das spürbar. „Wenn da bei bestimmten Delikten nur noch die Polizeistreife und nicht die Kripo kommt, werden manche Leute resignieren und gar keine Anzeige mehr erstatten.“

Qualitätsverlust zu erwarten
Unterstützung bekommt Bauch von Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg. Er könne sich nicht vorstellen, wie mit 400 Leuten weniger noch eine „effektive Strafverfolgung möglich sein soll“ , schrieb er kürzlich an das Innenministerium. Wenn einfache Eigentumsdelikte, wie vorgeschlagen, künftig von Beamten der Schutzpolizei bearbeitet werden, sei ein weiterer Qualitätsverlust der Zuarbeit für die Staatsanwaltschaft zu erwarten. Wolfgang Bauch vom BDK befüchtet, dass dem angekündigten Personalabbau auch die Kriminalwachen zum Opfer fallen könnten. Die Cottbuser Wache war bei der Umstrukturierung der Brandenburger Polizei 2002 unter dem Motto „erlebbare Polizeireform“ als Modellprojekt gestartet.

HintergrundHintergrund Straftaten laut Kriminalitätsstatistik rückläufig
  Die Zahl der Diebstähle, Raubstraftaten und Körperverletzungen ist in Brandenburg im vorigen Jahr zurückgegangen. Insgesamt gab es laut Kriminalitätsstatistik 2,2 Prozent weniger Delikte als 2005. Die Aufklärungsquote liegt bei 58 Prozent.
Während beim Diebstahl, wozu auch Einbrüche zählen, ein Rückgang um fast zehn Prozent zu verzeichnen ist, stiegen die Zahlen bei Betrug, Wirtschaftskriminalität und Sachbeschädigungen.
In Sachsen wurde 2006 ebenfalls ein leichter Rückgang der Kriminalität von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr festgestellt. Die Aufklärungsquote liegt bei 59 Prozent.
Im Freistaat wurde ebenfalls laut Polizeistatistik ein deutlicher Rückgang bei Einbrüchen, Raubdelikten und Sachbeschädigungen verzeichnet. Die Gewaltdelikte stiegen in Sachsen jedoch leicht an, wovon aber nur Großstädte wie Dresden und Chemnitz betroffen waren.