Bei jeder Bewegung schreit der kleine Hussein Mahdi. Überall hat er Brandwunden - auf der Brust, an den Beinen, an den Händen, auf dem Rücken, auch im Gesicht. Die Ärzte in der libanesischen Hafenstadt Tyrus sind sich sicher, dass der Neunjährige zum Opfer eines Angriffs mit Phosphorbomben wurde, als die israelische Armee die Ortschaft Nakura im Südwesten Libanons ins Visier nahm. Hussein verlangt nach seiner Mutter. "Warum brennt sie auch?", fragt der Junge wie im Wahn zwischen den Schmerzensschreien. Niemand traut sich, ihm zu sagen, dass seine Mutter und seine elfjährige Schwester seit dem Angriff, der auch ihn traf, tot sind.

"Sein Körper wurde ganz schwarz"
Von vielen solcher Erlebnisse berichten die Ärzte in diesen Tagen. Nach einem israelischen Luftangriff hat Mohamed Salam, der Chef eines Rettungsteams aus Tyrus, aus den Trümmern in der Ortschaft Basurije nicht nur bewusstlose Opfer herausgetragen, sondern auch ein etwa neun Monate altes Baby, das in eine Decke gewickelt war. "Als ich es herausnahm und ihm die Kleider auszog, um es zum Notarztwagen zu bringen, wurde sein Körper mit dem Luftkontakt ganz schwarz", sagt Salam. Er ist überzeugt, dass auch dieser hilflose Säugling von einer Phosphorbombe getroffen wurde. Schon seit dem Zweiten Weltkrieg sind die verheerenden Wirkungen von Phosphor-Bomben bekannt, die sich ab 34 Grad spontan entzünden.
Angesichts der Hektik und Unvorhersehbarkeit der Ereignisse ist dies nicht der Moment für umfangreiche Untersuchungen von unabhängiger Seite, woher die Bomben stammen und wer sie warf. Doch häufen sich die Berichte, dass die israelische Armee zu unberechenbaren und besonders grausamen Waffen greift. Ein ranghoher libanesischer Offizier wirft den Israelis vor, in der Region Arkub im Südosten des Libanon Streubomben abgeworfen zu haben, deren Hunderte Einzelteile nach dem Zerbersten in alle Richtungen schießen und mit ihrer für Betonwände ausgelegten Durchschlagskraft wahllos auch Menschen zerfetzen. Für einen westlichen Militärexperten, der im Libanon im Einsatz ist, steht der Einsatz solcher Bomben durch Israel "unbestreitbar" fest.

Nicht ausdrücklich verboten
Wer die israelische Armee nach Streu- und Phosphorbomben befragt, erhält die Auskunft, es würden nur "international zugelassene Waffen" eingesetzt. Tatsächlich kämpfen Hilfsorganisationen bislang vergeblich für eine ausdrückliche Ächtung der gefürchteten Streubomben, die erst nach der Unterzeichnung der Genfer Konventionen entwickelt und daher nicht zum verbotenen Waffenarsenal hinzugerechnet wurden. "Normalerweise" sollten Streu- und Splitterbomben nur für Angriffe auf gepanzerte Einheiten verwendet werden, sagt ein westlicher Militärvertreter. Phosphor- und Streubomben seien zwar durch die Genfer Konvention nicht ausdrücklich verboten, dennoch sei aber ihr Einsatz gegen Zivilisten "und in städtischen Gebieten unzulässig".
Diese Ansicht vertritt auch Human Rights Watch (HRW). Schon seit einem Angriff auf Blida am 19. Juli, bei dem eine 60-jährige Libanesin getötet und zwölf weitere Zivilisten verletzt wurden, wirft sie Israel den Einsatz von Splitterbomben vor. Am 23. Juli fotografierte ein HRW-Team in einem israelischen Waffenlager an der Grenze zum Libanon Streubomben. Streu- und Splitterbomben seien "unzulässig ungenaue und unzuverlässige Waffen", argumentiert HRW-Chef Kenneth Roth. "Sie sollten in bewohnten Gebieten niemals eingesetzt werden."
Bislang jedoch scheinen alle Appelle fruchtlos zu verhallen. So bediente sich der Chef der US-Menschenrechtsorganisation an diesem Donnerstag, an dem die Zahl der Opfer der israelischen Offensive nach Angaben der libanesischen Regierung auf mehr als 900 Tote und 3000 Verletzte anwuchs, eines härteren Vokabulars. Israel mache sich der "Kriegsverbrechen" schuldig, sagte Roth, das israelische Militär lege eine "beunruhigende Missachtung" des Lebens libanesischer Zivilisten an den Tag.