Warum sind Ratingagenturen so mächtig?

Sie bewerten vor allem eines: ob ein Unternehmen oder ein Staat geliehenes Geld pünktlich und vollständig zurückzahlen kann. Davon hängt die Bonität des Schuldners ab, das heißt sein Ansehen bei den Gläubigern. Viele Finanzakteure richten sich danach, so dürfen Fonds und Versicherer oft nur Anleihen mit einem bestimmten Rating halten. Die Noten reichen von „Dreifach A“ bis „C“ oder „D“. Der Markt wird zu 90 Prozent von den drei überwiegend in den USA beheimateten Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch Ratings beherrscht.

Wie lautet der Vorwurf in der Euro-Krise?

Dass sie die Bonität von Ländern wie Griechenland, Irland oder Portugal zu schwach bewerten – und damit Öl ins Feuer gießen. Damit torpedieren sie nach Ansicht vieler EU-Politiker die milliardenschweren Hilfspakete der Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Denn es ist ein Teufelskreis: Sinkt das Rating, wird es für ein Land teurer, sich Geld zu leihen – was wiederum aufs Rating drückt.

Wie verteidigen sich die Agenturen?

Sie sehen sich nur als Überbringer der schlechten Nachricht. Zudem verweisen sie darauf, dass Ratings lediglich Meinungen sind. Es sei jedem Marktteilnehmer selbst überlassen, ob er diesen folge oder nicht.

Konnte sich EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier mit seinen Vorschlägen durchsetzen?

Nein. Der Franzose scheiterte mit seiner Idee, dass die europä ische Wertpapieraufsicht ESMA den Ratingagenturen notfalls vorübergehend verbieten kann, negative Urteile über Krisenländer zu fällen. Das Benotungsverbot sollte für Staaten unter Druck gelten, die internationale Kredite erhalten beziehungsweise über Hilfsprogramme verhandeln. Das wären derzeit Griechenland, Portugal und Irland.

Wie soll mehr Wettbewerb entstehen?

Indem die ESMA Standards für eine einheitliche Ratingskala erarbeitet, damit die Urteile vergleichbar werden. „Gefälligkeitsratings“ soll es nicht mehr geben: Bislang war es so, dass Ratingagenturen von den Unternehmen, die sie bewerten, ihr Geld bekommen – ein großer Interessenkonflikt. Künftig soll ein Auftraggeber eine Ratingagentur nur noch maximal drei Jahre in Folge beauftragen dürfen. Für Staaten gilt dies nicht. Die Unternehmen müssen auch ihre Preispolitik offenlegen.

Und was ist mit der Haftung?

Erstmals sollen Investoren, die durch fehlerhafte Ratings Geld verloren haben, gegen die Bonitätswächter vor Gericht ziehen können, um Schadenersatz zu fordern. Dabei geht es um Urteile, die vorsätzlich oder durch „grobe Fahrlässigkeit“ falsch sind.

Will die EU-Kommission eine neue europäische Ratingagentur?

Nein. Die EU-Behörde hat darüber zwar nachgedacht, doch die Kosten wären mit bis zu einer halben Milliarde Euro öffentlichen Geldes erheblich. Barniers Credo lautet: „Was mich interessiert, ist, dass alle Agenturen reguliert werden.“

Wann wird der Kommissions-Entwurf Gesetz?

Nicht vor Ende des kommenden Jahres. Dem Vorschlag der Kommission müssen die Mitgliedstaaten und das Europaparlament noch zustimmen.