" Auch nach mehrmaligem Nachfragen will der Seminarist sich nicht zu weiteren Äußerungen nötigen lassen. "Meine Anweisungen sind deutlich", gibt er Bescheid. Doch ist kaum zu verbergen, dass es hinter den Mauern des Seminars Nuestra Señora Corredentora mächtig gärt. "Die Presse verfälscht seine Worte, sie fügt Dinge hinzu, die er nie gesagt hat", entfährt es Carlos dann doch noch. Er dreht sich auf dem Absatz und sagt, Williamson halte gerade seine "Siesta". Sturm der Entrüstung Die Aussagen, die in diesen Tagen rund um den Globus für Aufregung sorgen, sind indes dokumentiert. Williamson sagte im Januar im schwedischen Fernsehen, er denke, dass "200 000 bis 300 000 Juden in den Konzentrationslagern gestorben" seien, aber nicht ein einziger von ihnen in Gaskammern. Es war eine für Schlagzeilen äußerst förderliche Koinzidenz, dass diese Äußerungen wenige Tage vor der Rehabilitierung Williamsons und dreier weiterer Vertreter der Pius-Bruderschaft durch Papst Benedikt XVI. ausgestrahlt wurden. Als sich ein Sturm der Entrüstung über die Äußerungen Williamsons und die daraufhin unverdrossen erfolgte Wiederaufnahme in den Schoß der katholischen Kirche erhob, blieb allerdings auch der Hardliner in La Reja nicht völlig ungerührt. "In diesem ungeheuren medialen Sturm, der durch meine unvorsichtigen Bemerkungen im schwedischen Fernsehen ausgelöst wurde, bitte ich Sie, mein aufrichtiges Bedauern entgegenzunehmen", heißt es in einem Schreiben Williamsons an Kardinal Dario Castrillon Hoyos, der sich im Vatikan um eine Wiederherstellung des Dialogs zu traditionalistischen Katholiken bemüht. Das Schreiben wurde ins Internet gestellt und auch vom Vatikan publik gemacht, um die Affäre beilegen zu können. Und dann schaltete sich auch noch der Generalobere der Pius-Bruderschaft, Bernard Fellay, ein. Er entschuldigte sich beim Papst für die Äußerungen Williamsons - und untersagte diesem "jede öffentliche Stellungnahme zu politischen und historischen Fragen". So ist es nur konsequent, dass die Journalisten am Eingang zum Seminar in La Reja kaum noch etwas ausrichten können. Die Tore sind mit Vorhängeschlössern gesichert, für weitere Abschreckung sorgt Stacheldraht. Ein Reporter einer argentinischen TV-Station ist nach Ansicht der geistlichen Herren hinter den Mauern in seinem Rechercheeifer zu weit gegangen. "Pater Jacques Barrou hat gedroht, die Polizei zu holen, wenn ich mich nicht entferne", klagt er. Fotografen und Kameraleute versuchen mit Tele-Objektiven Einblick ins Seminar zu erhalten. Aber allzuviel können sie nicht ausrichten. "Das ist Privatgelände", weist ein Angestellter der Bruderschaft einen Kameramann zurecht. Juden als "ältere Brüder" Mehr als 20 Jahre sind vergangen, seit der Glaubensstreit mit dem französischen Bischof Marcel Lefebvre in kirchlichen Zwangsmaßnahmen seinen Höhepunkt fand. 1988 erging das Dekret der Kongregation in Rom, mit dem Lefebvre, Fellay und Williamson exkommuniziert wurden. Schon damals ging es neben Fragen der Liturgie auch um das Verhältnis zwischen Katholizismus und Judentum. Die Pius-Bruderschaft wollte nicht anerkennen, dass sich das Zweite Vatikanische Konzil von der alten Kirchentradition abwandte, die die Juden für den Tod Christi verantwortlich machte - und sie stattdessen zu "älteren Brüdern" der Christen erklärte.