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| 02:47 Uhr

Verantwortung bis zum Stadionzaun

Betont unauffällig im heimischen Stadion. Eine "Inferno"-Fahne bei einem Heimspiel im Cottbuser Energie-Stadion. Foto: Aswendt
Betont unauffällig im heimischen Stadion. Eine "Inferno"-Fahne bei einem Heimspiel im Cottbuser Energie-Stadion. Foto: Aswendt FOTO: Aswendt
Cottbus. Für den Verfassungsschutz ist es die größte rechtsextremistische Hooligangruppe in Brandenburg. Für den FC Energie Cottbus sind es normale Fans. Dafür, wie sich "Inferno" auswärts präsentiert, fühlt sich der Lausitzer Profiklub nicht zuständig. Simone Wendler

Kurz vor dem Start in die neue Spielsaison saßen Geschäftsführung, Fanbeauftragter und Pressesprecher des FC Energie mit den Vertretern der wichtigsten Fangruppierungen zusammen, um sich für die vorherige, "äußerst komplikationslose" Saison zu bedanken. Für die Gruppe "Inferno" saß "Willi" mit am Tisch.

Der Forster gehört nach RUNDSCHAU-Recherchen zu den Rechtsextremisten, die das Brandenburger Innenministerium der kürzlich verbotenen Neonazigruppe "Widerstand in Südbrandenburg" zurechnet. Deshalb gab es am Tag des Verbotes auch bei "Willi" eine Hausdurchsuchung. "Er kam drei Tage später und hat uns das selbst erzählt", so Energie-Sprecher Lars Töffling. "Willi" habe jedoch versichert, er habe mit diesen Neonazis nichts zu tun.

Auch auf einem Foto der "Firma 18" in Forst, einer rechtsradikalen Fußball-Clique, über die die RUNDSCHAU berichtete, will er nur zufällig aufgetaucht sein. Er sei zu einer Geburtstagsfeier eingeladen gewesen, bei der dieses Bild entstand, habe er erzählt. "Wir haben das zur Kenntnis genommen", so Energie-Sprecher Töffling. Befragt habe man zu möglichen Verbindungen in die rechtsextreme Szene nur "Willi" selbst und seine "Mitstreiter", wie Töffling auf Nachfrage einräumt.

Hinweis auf Datenschutz

Th omas Lange ist der Fanbeauftragte des Profi-Vereins. Etwa 60 Fan-Gruppen und Clubs betreut er. Mit ihm über "Inferno" zu sprechen, erweist sich als schwierig. Weder will er sagen, wie groß diese Gruppe ist noch wer außer "Willi" deren Kontaktpersonen zum Verein sind: "Datenschutz. "

Vielleicht fällt es ihm auch schwer, kritisch über "Inferno" zu reden, weil die Gruppe zu den Aktivisten zählt, die im Stadion auf der Nordtribüne mit Sprechchören und Choreografien für Stimmung sorgen.

Lange fährt zu fast jedem Auswärtsspiel und versteht sich dort vor allem als Vermittler, wenn es Konflikte zwischen Energie-Anhängern und Ordnern gibt. Dort sieht er immer wieder auch ein Banner, das "Inferno" bei Auswärtsspielen wie Ende April in Ingolstadt an den Absperrzaun in der Stadionkurve hängt.

Darauf zu sehen sind IC für Inferno Cottbus, die 99 für das Gründungsjahr, ein Sensenmann in einem Kreis und darunter der Schriftzug "Die Halben hol' der Teufel!" Was der Spruch bedeuten soll, lässt ihn kalt. "Warum soll ich mir etwas dabei denken", sagt Lange.

Die scheinbar harmlose Zeile stammt aus einem Zitat der Romanfigur Gilbert Wolzow, einem Antihelden in dem antifaschistischen, im Osten früher weitverbreiteten Roman "Die Abenteuer des Werner Holt". Wolzow hält darin eine flammende Durchhalte-Rede: "Wer . . . Deutschland in seiner schwersten Stunde im Stich lässt, der ist ein Schweinehund. Alles oder nichts. Die Halben hol' der Teufel. Wir stehen zum Führer."

Zitat als Schalaufdruck

In der Rechtsextremistenszene ist der Spruch von den Halben, die der Teufel holen soll, deshalb weit verbreitet. Er dient als Code für unbedingten Gehorsam, Durchhaltewillen und Führertreue. Die als kriminelle Vereinigung verbotene Szeneband "Landser" verwendete das Wolzow-Zitat als Liedtext. Ein sächsischer Versandhandel von Neonazi-Devotionalien verkauft Schals mit dem Aufdruck: "Die Halben hol' der Teufel!"

Doch das Stadion-Banner mit diesem Zitat ist nicht die einzige Spur, die von der Fangruppe "Inferno" in den braunen Sumpf führt. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet sich ein Banner mit der Aufschrift "Unterwegs im Reich. Auswärts mit Energie Cottbus." Daneben die Karte von Deutschland in den Grenzen von 1937. Ein anderes Inferno-Banner trägt die Aufschrift "Widerstand lässt sich nicht verbieten". Dazu wurden betont eckige Buchstaben gewählt, sodass das Doppel-S in dem Wort "lässt" wie SS-Runen aussieht.

Beim Spiel gegen St. Pauli in Hamburg Ende März wurden vor dem Cottbuser Fanblock weiße Buchstaben auf schwarzem Grund gezeigt, die zusammen die Zeile "Ein Sieg heilt unsere Wunden" ergaben. Ein Teil der Buchstaben soll jedoch, so Beobachter, zeitverzögert gezeigt worden sein, sodass für einen Moment "Sieg heil" zu lesen war.

Im Cottbuser Energiestadion ist bei Heimspielen davon nichts zu sehen. Bis vor etwa zwei Jahren hatte die Gruppe sogar ein mehrjähriges Darstellungsverbot für das heimische Stadion wegen gewalttätiger Zwischenfälle bei Auswärtsspielen. Jetzt darf "Inferno" wieder Fahnen und Banner mitbringen, doch die müssen, wie von anderen Gruppen auch, vom Verein genehmigt werden.

Kein Pass für Runen-Banner

Für das Banner mit dem SS-Runen ähnlichen Doppel-S hatte "Inferno" eine Genehmigung beantragt, aber den Fahnen-Pass nicht bekommen. "Die wollen wir hier nicht haben", sagt der Fanbeauftragte Thomas Lange. Wegen der Runenschrift könne "eine Gesinnung gemutmaßt und eine Verbindung hergestellt werden", die beiden Seiten nicht gut täte, formuliert Lange auf Nachfrage eine verschlungene Begründung.

Energie-Sprecher Lars Töffling lässt mehr Problembewusstsein erkennen: "Uns gefällt das auch nicht, wenn die solche Fahnen beim Auswärtsspiel zeigen." Doch er fügt gleich hinzu, dass er froh sei, dass der Verein mit der Gruppe im Gespräch sei und die sich im Cottbuser Stadion an die Regeln halte. Was die außerhalb des Stadions machten, sei nicht Sache des Vereins: "Uns sind da die Hände gebunden."

Töffling weist immer wieder darauf hin, dass für Energie Cottbus der Stadionzaun und strafrechtlich relevante Vorfälle die Handlungsgrenze markierten: "Wir sind keine Ermittlungsbehörde und werden nicht auf Verdacht tätig." Die Grenze sei klar das Zurschaustellen verbotener Dinge.

Kein Strafverfahren bekannt

Auch gegen "Willi" gebe es, soweit der Verein wisse, kein Strafverfahren. Deshalb darf er im Wechsel mit einem anderen Fan weiter am Megafon den Energie-Fanblock dirigieren. "Wir verlassen uns auch auf einen gewissen Selbstreinigungsprozess in der Fanszene", sagt Energiesprecher Töffling.

Sicherheitskreise beobachten bei "Inferno" ein gewisses Geschick und Vorsicht, mit ihren Aktionen bis dicht an die Grenze der Strafbarkeit zu gehen, diese jedoch nicht zu überschreiten. Im Brandenburger Verfassungsschutzbericht 2010 wurde "Inferno" namentlich erwähnt, weil etwa 150 Rechtsextremisten aus Cottbus und Spree-Neiße das elfjährige Bestehen der Gruppe in einer Gaststätte im Norden der Stadt feierten.

Von Fachleuten wird etwa die Hälfte der rund 50 Mitglieder und Sympathisanten von "Inferno" dem rechtsextremen Milieu zugerechnet. Darunter soll sich nach RUNDSCHAU-Recherchen neben "Willi" ein weiteres mutmaßliches Mitglied des verbotenen "Widerstand in Südbrandenburg" befinden.

Sven Graupner glaubt, dass nicht alle, die irgendwo hinter einem Banner von "Inferno" mit rechtsextremistischem Subtext stehen, sich dessen auch bewusst sind. Graupner gehört zum Fanprojekt des Vereins Jugendhilfe Cottbus, der völlig unabhängig vom Fußballclub agiert. Graupner hat auch zu "Inferno"-Mitgliedern Kontakt. "Es lässt sich aber nicht jeder dort auf ein Gespräch mit uns ein", sagt er.

Pyrotechnik und Gewalt

Auch Graupner plädiert deshalb für einen Dialog mit problematischen Fans, die dazu bereit seien: "Das muss jedoch inhaltlich geschehen." Natürlich könnte mancher Spruch auch Zufall sein, doch manchmal gebe es einige Zufälle zu viel. Der rechtsextreme Hintergrund der Halben, die der Teufel holen soll, ist Graupner bestens bekannt.

Er sieht bundesweit in der Fanarbeit zurzeit eine ausschließliche Konzentration auf Pyrotechnik und Gewalt. Rechtsextremismus in Fangruppen sei da kaum ein Thema.

In der Lausitz, so Graupner, gebe es jedoch gut funktionierende Netzwerke, die sich damit auskennen. Ob Energie Cottbus dieses Wissen nutzen will, sei jedoch Sache des Vereins.

Zum Thema:
Die Cottbuser Fangruppe "Inferno" organisierte Ende Juli auf einem Sportplatz im Spree-Neiße-Kreis ein "Sommerturnier". Eingeladen waren dazu andere Fangruppen aus der Ultraszene, darunter auch solche mit bekanntem rechtsradikalen Hintergrund. Dem Fußballverein, auf dessen Platz das Turnier stattfand, war der Hintergrund der eingeladenen Teilnehmer nach eigener Auskunft nicht bekannt. In dem Turnier kickten Anhänger von "FFC Victoria 91" aus Frankfurt (Oder). Sie werden im Brandenburger Verfassungsschutzbericht 2011 neben Cottbus als Beispiel für die Überschneidung von Hooligans und Rechtsextremisten genannt.Beteiligt waren auch die "NS-Boys" aus Chemnitz, die NS als Abkürzung für "New Society" (Neue Gesellschaft) verstanden wissen wollen. Etwa ein Drittel der Gruppe aus dem Fanumfeld des Drittligisten Chemnitzer FC (CFC) hat bundesweites Stadionverbot wegen verschiedener Zwischenfälle. Im Chemnitzer Stadion sind laut Auskunft des Vereinssprechers sämtliche Kleidungsstücke und Transparente der "New Society" verboten. Der Verein distanziere sich von dieser Gruppe und versuche das Agieren im Umfeld des CFC nach den vorhandenen Möglichkeiten zu untersagen. Auch von der allgemeinen Fanszene werde die Gruppe abgelehnt.