Herr Rauscher, wo spielt Vattenfall Europe im Konzert der europäischen Energiekonzerne?
Vattenfall Europe ist der deutsche Teil der Vattenfall-Gruppe. Die Vattenfall-Gruppe besteht aus Vattenfall Schweden und Finnland, Vattenfall Polen und einem starken Vattenfall in Deutschland und ist derzeit die Nummer fünf im europäischen Energiemarkt.

Wo wird Vattenfall in fünf bis zehn Jahren stehen?
Unser Ziel ist es, die Nummer fünf zu bleiben und zwar in den Kerngeschäftsfeldern Strom und Fernwärme.

Vattenfall gehört in der Lausitz zu den Unternehmen, die sich auch außerhalb des normalen Geschäftes engagieren. Ist das eine Art Wiedergutmachung für die großflächige Nutzung der Landschaft durch die Braunkohle?
Ich würde nicht von Wiedergutmachung sprechen. Wir empfinden grundsätzlich in unserem Unternehmen eine gesellschaftspolitische Verantwortung. Es ist aber auch ein gewisser Dank an die Region, dass wir uns im kulturellen, sozialen Bereich etwas mehr engagieren als andere Unternehmen. Denn wir wissen sehr wohl, dass der Braunkohletagebau Wunden in die Natur reißt, die wir allerdings so gut es geht auch wieder schließen.

Steht dahinter eine besondere Form der Firmenphilosophie?
Ich bin der Meinung, dass ein Unternehmen nicht nur dazu da ist, den Anteilseigner zu befriedigen. Ein Unternehmen muss auch an die vielen tausend Mitarbeiter denken und ihnen gute, solide Arbeitsplätze garantieren. Zudem muss man bedenken, dass diese Mitarbeiter Teil der Region sind. Deswegen steht es unserem Unternehmen gut an, über das eigentliche Geschäft hinaus das eine oder andere zu tun. Das gilt natürlich immer nur im betriebswirtschaftlich vertretbaren Rahmen.

Nach welchen Kriterien treffen Sie die Auswahl für Ihr gesellschaftspolitisches Engagement?
Es muss vor allen Dingen Sinn machen. Ein großes Problem in Deutschland und speziell in Ostdeutschland sind die Jugendarbeitslosigkeit und der Mangel an Ausbildungsplätzen. Hier haben wir entschieden, auch in Zukunft doppelt so viele junge Menschen auszubilden, wie es in der deutschen Wirtschaft üblich ist.

Naturverbrauch durch die Braunkohleverstromung heißt ja nicht nur, dass Sie große Flächen in Anspruch nehmen. Die Kraftwerke pusten zudem viele Schadstoffe in die Luft. Bleibt Braunkohle wettbewerbsfähig, wenn Sie für diesen Schadstoff-Ausstoß bezahlen müssen?
Ich denke ja. Zunächst muss man darauf hinweisen, dass wir schon in der Vergangenheit die Emissionen massiv reduziert haben. In den vergangenen zehn, zwölf Jahren hat allein unser Unternehmen beim CO 2 -Ausstoß 20 Prozent der Reduktionen gebracht, die in ganz Deutschland erreicht wurden. Dennoch können und wollen wir uns auf diesen Erfolgen der Vergangenheit nicht ausruhen. Wir werden weiter versuchen, durch technische Innovationen den CO 2 -Ausstoß zu reduzieren. Vorausgesetzt, dass uns all dies gelingt, bin ich sicher, dass die Braunkohle ihre Zukunft haben wird.

Welche technologischen Richtungen schlagen Sie dabei ein?
Es gibt zwei Ansätze. Der eine setzt auf die Verbesserung be ste hender Technologien. Wir haben zwar derzeit mit einem Wirkungsgrad von 42 bis 43 Prozent die modernsten Braunkohlekraftwerke Europas. Mit weiteren technologischen Verbesserungen hoffen wir den Wirkungsgrad an die 50 Prozent heranzuführen. Die andere, in der Realisierung allerdings noch weit in der Zukunft liegende Problemlösung ist die des CO 2 -freien Koh le kraftwerkes. Der Ansatz dabei ist, das Kohlendioxid abzuscheiden und unter der Erde einzulagern.

Wie sehr beschäftigt sich Vattenfall Europe mit erneuerbaren Energien?
Das Rückgrat unserer Erzeugungskapazitäten sind heute die kohlegefeuerten Kraftwerke. Braunkohle ist mit etwa zwei Drittel in unserem Erzeugungsmix vertreten. Daneben gibt es einen großen Anteil Kernenergie. Und wenn wir das Pumpspeicherwerk Gol dis thal am Netz haben, werden wir der größte Wasserkraftbetreiber in Deutschland sein. Natürlich prüfen wir auch andere alternative Energien von der Windkraft über Brennstoffzellen bis zu Solaranlagen. Ich möchte allerdings vor übereilten Hoffnungen warnen. Alle diese Technologien sind für den großindustriellen Einsatz derzeit nur bedingt geeignet. Sie sind allenfalls zusätzliche Energien. Sie können nicht das Rückgrat der Stromversorgung eines hoch industrialisierten Landes sein.

In diesem Bereich wird trotzdem auch von Ihren Konkurrenten massiv investiert. Gibt es bei Vattenfall Europe eine Zielgröße, wie viel Prozent der Stromproduktion künftig aus regenerativen Energien kommen sollen?
Wir haben keine fixen Zielgrößen. Der Einsatz alternativer Energieträger wird davon abhängen, wie sich die Verwendung dieser Energien rechnet.

Werden dann, wenn Sie Ihre Kernkraftwerke vom Netz nehmen müssen, weitere Braunkohlekraftwerke in der Lausitz gebaut?
Ich schließe das nicht aus. Die Pläne für den zweiten Block in Boxberg liegen in der Schublade. Zwar stellt sich für uns die Frage weiterer Investitionen nicht so dringlich wie für unsere Wettbewerber. Aber je nachdem, wie sich die Märkte entwickeln, wie andere Unternehmen ihren Kraftwerkspark erneuern, werden wir uns diese Fragen auch stellen. Konkret haben wir allerdings hier und heute keine Investitionsentscheidungen auf der Agenda.

Der Zusammenschluss zu Vattenfall Europe geht mit einem Abbau von Arbeitsplätzen einher. Geplant ist, wie es heißt, 4000 Stellen einzusparen. Was bedeutet das konkret für die Lausitz?
Wir beschäftigten Ende des ersten Quartals diesen Jahres bei Vattenfall Europe Mining, der früheren Laubag, 5533 Mitarbeiter und bei Generation, der früheren Veag, 4029. Das sind in der Summe 9562. Richtig ist, dass wir im Zeitraum 2000 bis 2005 von über 22 000 Stellen in der gesamten deutschen Gruppe einen Abbau von knapp 4000 Stellen vorgesehen haben. Das verteilt sich natürlich auf alle Bereiche, wird aber in erster Linie die administrativen Funktionen betreffen. In den Werken vor Ort, ob im Tagebau oder in den Kraftwerken, werden keine großen Rationalisierungsreserven mehr stecken. Über die Frage, wie sich der Abbau auf die einzelnen Unternehmensteile auswirkt, sind wir in Gesprächen mit der Mitbestimmung. Diese Gespräche sind noch nicht so weit, dass wir schon genaue Zahlen nennen können. Aber es bleibt dabei: Es wird keine betriebsbedingten Kündigungen geben.

Heißt das für die Lausitz, dass das Tal der Beschäftigung langsam erreicht ist?
Sicher ist: Der Großteil des Rationalisierungspotenzials ist ausgeschöpft.

Mit KLAUS RAUSCHER sprachen Maiken Kriese, Renate Marschall, Susann Michalk, Markus Füller
und Wolfgang Swat

Hintergrund Zur Person: Klaus Rauscher
 Dr. Klaus Rauscher (54) ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er begann seine berufliche Laufbahn nach dem Studium der Rechtswissenschaften und seiner Promotion zum Dr. jur., 1975, im Bayerischen Staatsministerium der Finanzen. Dort war er zuletzt Leiter der Wirtschafts- und Beteiligungsabteilung. Im November 1988 wurde er zum Leiter der Bayerischen Staatskanzlei ernannt. 1991 wechselte Klaus Rauscher zur Bayerischen Landesbank, wo er als Vorstandsmitglied auch für Energiewirtschaft zuständig war.
Vom 1. November 2001 an hat Rauscher als Vorstandsvorsitzender der HEW und mit Gründung der Vattenfall Europe AG im September 2002 als Vorstandsvorsitzender der Holding des neuen Konzerns die Integration der vier Unternehmen Bewag, HEW, Laubag und Veag geleitet.
Rauscher ist Mitglied (Senior Executive Vice President) des Vorstandes der Vattenfall AB, Stockholm, und Präsident des Verbandes der Verbundunternehmen und Regionalen Energieversorger in Deutschland – VRE. Er ist Vorsitzender der Aufsichtsräte Bewag, HEW, Vattenfall Europe Mining und Vattenfall Europe Generation.