Seine Schüchternheit führt zuweilen zu Strenge, und an die Verantwortung gelangte er durch die Hintertür. Doch Matti Vanhanen hat seine Schwächen in einen Trumpf verwandelt: Er ist der beliebteste finnische Ministerpräsident in der Geschichte des Landes. Seine Landsleute mögen seine direkte Art und seinen zurückhaltenden Humor, sie schätzen ihn als Mann der Tat statt großer Worte. Jeder zweite Finne wünscht Vanhanen, der das Land seit 2003 regiert, eine zweite Amtszeit. Die Skandinavier wählen morgen ein neues Parlament, und wenn die Zentrumspartei die Mehrheit gewinnt, geht dieser Wunsch wohl in Erfüllung. Die Chancen für Vanhanen stehen gut.
Der 1,93 Meter große Nordeuropäer gilt als zurückhaltender Mann. Er trinkt keinen Alkohol und betätigt sich in der spärlichen Freizeit, die ihm als Regierungschef bleibt, am liebsten als Heimwerker. Seit seiner Scheidung von einer Stewardess, mit der er zwei Kinder hat, vor zwei Jahren ist dieses etwas blasse Bild des Regierungschefs durch eine rege öffentliche Anteilnahme an seinem Liebesleben allerdings deutlich farbiger geworden - so farbig, dass es dem 51-jährigen Politiker zu bunt wurde und er die Regenbogenpresse mit der Stasi verglich. "Wir wollen keinen Fundamentalismus in Finnland oder eine kommerzielle Form der Stasi", schrieb Vanhanen vor den Präsidentschaftswahlen im Januar 2006.
Rechtzeitig vor den anstehenden Wahlen veröffentlichte Vanhanens Ex-Freundin Susan Kuronen ein Buch über ihre Beziehung mit dem Ministerpräsidenten, die seit ihrem Beginn vor einem Jahr und bis Vanhanen ihr neun Monate später mit einer berühmt gewordenen SMS - die Nokia-Lösung genannte "Das war's - ein Ende setzte, von den Medien begleitet wurde. Die Bekanntgabe intimer Details verlieh dem Wahlkampf, der trotz des Kopf-an-Kopf-Rennens von Vanhanen und dem Parteichef der SDP und Finanzminister der derzeitigen Regierungskoalition, Eero Heinäluoma, unspektakulär vonstatten ging, eine gewisse Würze. Vielleicht haben die Finnen einfach keine drängenderen Probleme: Die Wirtschaft des Landes wächst, die Arbeitslosenzahlen und die Steuern sinken.
Für die kommende Legislaturperiode verspricht Vanhanen, die Arbeitslosigkeit weiter zu verringern und die Sozialsysteme zu verbessern. "Ich weiß, dass die Wahl sehr knapp ausgehen wird, aber ich habe Vertrauen. Ich weiß, was Finnland braucht, und ich habe ein Programm dafür", hatte Vanhanen während des Wahlkampfes gesagt.
Der Sohn eines Hochschullehrers studierte Politische Wissenschaften und engagierte sich schon früh in der Jugendpolitik. Bereits 1976 trat er in die Zentrumspartei ein. 1981 wurde er zum Bürgermeister von Espoo gewählt. Danach arbeitete er einige Jahre lang als Journalist, bevor er 1991 ins Parlament gewählt wurde. Seit 2003 ist Vanhanen Vorsitzender der Zentrumspartei. In der aktuellen Regierung war er ursprünglich Verteidigungsminister, gelangte jedoch unvermittelt an die Spitze, als Ministerpräsidentin Anneli Jäätteenmäki nach nur zwei Monaten wegen einer Wahlkampf-Affäre zurücktreten musste.
2005 gewann Vanhanen eine Wahl auf dem zweiten Gebiet neben der Politik, auf dem er zum Fachmann zu avancieren scheint: Die Leserinnen eines Frauenmagazins kürten ihn zum sexysten Mann Finnlands. Möglicherweise hilft ihm dieses Image am Sonntag auch. Im Land der Frauenrechte läge darin eine gewisse Ironie. Vor 100 Jahren zogen Frauen in Finnland weltweit erstmalig in ein Parlament ein. Vielleicht bricht mit Vanhanen, der derzeit übrigens Single ist, die Zeit der Emanzipation der Männer an.