Wie die "Washington Post" gestern unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, wird daran gedacht, den Termin für die Einsetzung einer irakischen Übergangsregierung vom 30. Juni auf das kommende Jahr zu verschieben. Hintergrund ist der Widerstand des einflussreichen Schiitenführers Groß-Ayatollah Ali Sistani gegen die bisherigen US-Pläne. Sistani wehrt sich dagegen, dass die Übergangsregierung indirekt von regionalen Versammlungen gewählt werden soll. Er besteht auf Direktwahlen.
Die US-Regierung argumentiert, dass bis zum 30. Juni die Infrastruktur für Direktwahlen noch nicht aufgebaut werden könne. Laut "Washington Post" wird erwogen, auf die Forderung nach Direktwahlen einzugehen, dafür aber den Termin für die Interimsregierung zu verschieben. In der Regierung werde bereits der Termin 1. Januar 2005 diskutiert.

Besatzung noch bis Ende Juni
Nach diesem Szenario würden die USA die Besatzung dennoch am 30. Juni offiziell beenden. In der Phase bis zur Einsetzung der Übergangsregierung solle dann möglicherweise der derzeitige irakische Regierungsrat die Regierungsgeschäfte übernehmen oder ein anderes Organ, das von einer Konferenz irakischer Führungspersönlichkeiten zu bestimmen sei.
Ein Sprecher Ali Sistanis dementierte unterdessen Meldungen über einen Anschlagsversuch auf den Groß-Ayatollah. "Es hat keinen Attentatsversuch auf Sistani gegeben", sagte der Repräsentant des Geistlichen in Beirut, Hamid Chaffaf, gestern dem arabischen Nachrichtensender El Dschasira.

Bush konkretisiert Vorhaben
Wie die "Washington Post" indes mitteilt, will US-Präsident George W. Bush seinen früheren politischen Rivalen John McCain in die Kommission zur Untersuchung der Geheimdienstberichte im Vorfeld des Irak-Kriegs berufen. Die Kommission soll untersuchen, wie die offenbar fehlerhaften Berichte über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen zustande gekommen sind.
Bush hatte erst nach langem Zögern in die Gründung des Gremiums eingewilligt.
Nach Meinung des ehemaligen US-Waffeninspekteurs David Kay muss die Kommission vor allem den möglichen Einfluss von Politikern auf Risikoanalysen prüfen. Kay widersprach gestern US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der gesagt hatte, es könnten noch biologische und chemische Kampfstoffe gefunden werden.
Die US-Armee hat bei einem Einsatz in der nordirakischen Stadt Tikrit gestern unterdessen sechs Iraker festgenommen, unter ihnen zwei ranghohe Unterstützer des früheren Machthabers Saddam Hussein. "Es handelte sich um die letzten Mitglieder des engsten Kreises, der Saddam Hussein und die anderen Führer der ehemaligen Regierung unterstützt hat", sagte Oberstleutnant Steve Russell, der die Razzia in Saddam Husseins Heimatstadt kommandierte. (dpa/AFP/uk)