Für das Treffen von Bundeskanzler Gerhard Schröder mit US-Präsident George W. Bush am Freitag im Weißen Haus in Washington stehen die Vorzeichen so gut wie lange nicht mehr. Die kurze Eiszeit zwischen Berlin und Washington sei nun endgültig vorbei, frohlocken deutsche Diplomaten. Sie erwarten eine freundschaftliche Begegnung - sicher auch, weil Bush aus innenpolitischen Gründen im Wahljahr den Vorwurf entkräften möchte, er habe treue Bündnispartner verprellt.
Aber auch wenn Diplomaten ein "sehr positives Ergebnis" voraussagen, gehören die Glanzzeiten der Freundschaft und des Bündnisses zwischen den USA und Deutschland wohl der Vergangenheit an. Dies ist zumindest die Ansicht vieler Historiker und Publizisten. Die Ursachen sind weniger Differenzen wegen des Irakkriegs oder persönliche Animositäten zwischen Bush und Schröder. Vielmehr gehe es um wachsende Interessenunterschiede zwischen Europa und den USA.
Das am häufigsten verwendete Zitat in Reden und Aufsätzen über das transatlantische Verhältnis stammt von Bismarck: "Nationen haben Interessen, keine Freunde".
Ungeachtet aller schönen Reden "ist das atlantische Bündnis heute eher eine Angelegenheit von Gewohnheit und Geschichte", schrieb pessimistisch der "Washington Post"-Kolumnist David Ignatius. "Deutschland hat sich grundlegend verändert", schrieb Stephen Szabo, Professor an der Johns Hopkins Universität Washington. Berlin setze auf Europa, nicht auf die USA, die zunehmend misstrauisch betrachtet würden. Der Disput über den Irak hinterlasse eine "radikal veränderte politische Landschaft". Die zwischen Bush und Schröder deutlich gewordenen Emotionen "wirkten nur als Ver-stärker des tiefen Wandels seit dem Fall der Mauer", so Szabo. Deutschland drohe, außenpolitisch wechselnde Bündnisse zu suchen und damit Instabilität in Europa zu fördern. Weder die starken wirtschaftlichen Bande noch gemeinsame We rte könnten die frühere gemeinsame strategische Basis ersetzen.
Die wichtigste Veränderung ist für den Politikwissenschaftler Frances Burwell die Tatsache, dass nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr Europa im Mittelpunkt einer Kriegsbedrohung stehe, sondern aus US-Sicht seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die USA selbst. Erschwerend komme hinzu, dass auf vielen Feldern - wie Fragen des Umweltschutzes oder des Welthandels - die Widersprüche eher wüchsen, anstatt abzunehmen. "Die manchmal schizophrene Sicht aufeinander als Partner und als Rivalen" werde prägend für die Zukunft sein.
Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg werde "die Legitimität der Macht und Führerschaft der USA in der Welt heute von einer Mehrheit der Europäer angezweifelt", analysiert der renommierte Publizist Robert Kagan. Die "Tragödie" liege in der unterschiedlichen Wahrnehmung der globalen Gefahren, so Kagan. Washington glaube, die Zukunft der freien Welt hänge vom entschiedenen Handeln gegen Terroristen und "Schurkenstaaten" ab - in Europa fürchte man den wachsenden Unilateralismus und die Neigung der USA, Konflikte "arrogant" und kriegerisch zu lösen. Bei dem Streit zwischen Europa und den USA geht es um die fundamentale Frage der "Weltordnung des 21. Jahrhunderts", so hatte schon Bundesaußenminister Joschka Fischer früher formuliert. Die US-Politik wird - zumindest solange Bush Präsident ist - von N eokonservativen beherrscht. Sie sehen im Terrorismus, in Diktaturen mit Massenvernichtungswaffen und im Islamismus die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.