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| 01:03 Uhr

USA im Irak in Nöten

Ein US-Soldat patroulliert vor einem ausgebrannten Armeefahrzeug. Die Amerikaner sind in den vergangenen Tagen immer häufiger Ziel von irakischen Angreifern.
Ein US-Soldat patroulliert vor einem ausgebrannten Armeefahrzeug. Die Amerikaner sind in den vergangenen Tagen immer häufiger Ziel von irakischen Angreifern. FOTO: Foto: dpa
Tröpfchenweise sickert es bei den Amerikanern ein: Die US-Präsenz im Irak ist keine Frage von einem oder vielleicht zwei Jahren, sondern wohl eher von einem halben Jahrzehnt. Von Gabriele Chwallek

Hatte US-Präsident George W. Bush bis vor kurzem lediglich gesagt, seine Streitkräfte blieben so lange wie nötig und keinen Tag länger, hat er jetzt seine Rhetorik geändert. Von einer massiven, lang andauernden Anstrengung spricht der Präsident nun, nachdem ihn sogar eigene republikanische Parteifreunde wie Senator Richard Lugar aufgefordert hatten, die Dinge beim Namen zu nennen.
Allerdings konnte Bush wohl auch gar nicht anders: Die Instabilität im Irak mit der anhaltenden Serie von Angriffen auf US-Soldaten macht es offensichtlich, dass an die ursprünglich für Herbst verheißene drastische Reduzierung der US-Truppen nicht zu denken ist. Im Gegenteil hat sogar der US-Verwaltungschef im Irak, Paul Bremer, angedeutet, dass er gern eine Aufstockung sähe.
Inzwischen mehren sich in Kreisen des US-Kongresses die lauten Rufe nach einer stärkeren internationalen Beteiligung. Zurzeit sind knapp 150 000 Amerikaner und ungefähr 12 000 Angehörige anderer Streitkräfte auf irakischem Boden. Mit der Ankunft der ersten polnischen Soldaten beginnt zwar die Umsetzung des Pentagon-Plans für eine "Internationalisierung", das heißt, die Bildung von zwei multinationalen Divisionen. Aber das reicht nach Ansicht vieler Kongressmitglieder angesichts der Herausforderungen nicht.
"Wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit", zitierte die "New York Times" zum Beispiel den demokratischen Senator Jack Reed. Seine Befürchtung: Wenn es nicht bald gelingt, das Land zu stabilisieren und die Wirtschaft in Schwung zu bringen, dann könnten sich die irregulären gegnerischen Kräfte im Land stärker organisieren und aus der Unzufriedenheit vieler normaler irakischer Bürger mit den amerikanischen Besatzern schöpfen.
Nach Pentagon-Angaben haben sich rund 25 Staaten bereit erklärt, Bodentruppen zur Verfügung zu stellen. Mit etwa einem Dutzend anderer Länder wird verhandelt, darunter Pakistan und Indien. Aber nicht immer entsprechen die Angebote auch dem, was bei den schwierigen und gefährlichen Operationen im Irak auch wirklich benötigt werde, sagen Militär-Vertreter. Versprechen seien gut, aber die Umsetzung stehe auf einem anderen Blatt.
Bemüht sich Bush, keine Zweifel an der Fähigkeit der US-Truppen zur Bewältigung der Aufgaben im Irak aufkommen zu lassen, suchen Pentagon und Außenministerium hinter den Kulissen angestrengt nach neuen Verbündeten. Eine größere internationale Beteiligung würde es zum einen den zunehmend erschöpften und irritierten US-Soldaten ermöglichen, endlich heimzukehren. Manche von ihnen sind schon seit einem Jahr in der Golfregion stationiert. Hinzukommt aber auch der Kostenfaktor. Der US-Einsatz verschlingt pro Monat drei Milliarden Dollar und einen Teil davon würde man nur zu gerne auf Partner abwälzen.
Vielleicht noch wichtiger für Bush: Nachdem der Präsident im Vorfeld des Irak-Krieges immer wieder auf eine breite Koalition der Willigen verwiesen hat, kommt es zunehmend darauf an zu beweisen, dass es diese Koalition nicht nur auf dem Papier gibt. Zwar baut Bush darauf, dass die Amerikaner opferbereit bleiben, aber es gibt anscheinend doch Grenzen. So sind einer jüngsten Umfrage zufolge nur noch 56 Prozent der Bürger überzeugt, dass die Irak-Mission "die Sache wert ist". Das ist ein deutlicher Vertrauensschwund im Vergleich zu früheren Erhebungen.
Vor diesem Hintergrund gibt es aus dem republikanischen Lager sogar Empfehlungen, Bush solle sich mit den Irak-Kriegsgegnern Deutschland und Frankreich aussöhnen und ihre Hilfe gewinnen. Aber so weit ist es bisher nicht gekommen. Nur die ebenfalls wenig kriegswillige Türkei wurde kontaktiert.

hintergrund Immer mehr Todesopfer
 Drei Tage nach der Kampfansage von US-Präsident George W. Bush an die "Friedensfeinde" im Irak haben amerikanische Soldaten gestern nördlich von Bagdad elf irakische Angreifer erschossen. Das berichteten der britische Sender BBC und der arabische TV-Sender El Dschasira.
Innerhalb eines Tages erschossen Iraker bei einer neuen Welle von insgesamt mindestens sechs Angriffen gegen die Besatzungsmacht einen US-Soldaten und verletzten 17 weitere Amerikaner.
Der arabische TV-Sender El Dschasira hat gestern eine neue Tonbandbotschaft ausgestrahlt, die vom entmachteten irakischen Präsidenten Saddam Hussein stammen soll. Darin nennt die angebliche Saddam-Stimme als Datum der Aufzeichnung den 14. Juni 2003 und sagt: "Ich bin immer noch im Irak."