Machtkampf: Im UN-Sicherheitsrat machen die USA Druck, um eine Mehrheit für ihre Resolution zu organisieren.Dass dabei diskret mit Dollarnoten gewinkt wird, weisen alle Beteiligten empört zurück. Doch sind sich Beobachter einig, dass die meisten Länder bei einem "Nein" eine Menge zu verlieren hätten.
Um den angolanischen Präsidenten Jose Eduardo dos Santos bemühten sich am Telefon persönlich US-Präsident George W. Bush und Vizepräsident Richard Cheney. In Chile sprach der Sondergesandte Otto Reich vor. Auf Afrikareise ging der Abteilungsleiter im Außenministerium, Walter Kansteiner, und machte in Angola, Guinea und Kamerun Station. Den mexikanischen Präsidenten Vicente Fox sollte der spanische Ministerpräsident José Maria Aznar weich klopfen, der in Mexiko-Stadt auf dem Weg zur Bush-Ranch in Texas Station machte. Die USA wissen bislang nur Großbritannien, Spanien und Bulgarien auf ihrer Seite. Syrien und Deutschland werden als Unterstützer definitiv ausgeschlossen. China, Russland und Frankreich glauben die USA allenfalls zur Enthaltung bewegen zu können. Fünf weitere "Ja"-Stimmen brauchen die USA aber, um die Resolution durchzubringen.
Keines der Länder kann auf einen Geldsegen wie die Türkei hoffen, der im Gegenzug für die Zulassung der Stationierung von US-Soldaten mehrere Milliarden Dollar an Militär- und Wirtschaftshilfe zugesagt worden war. Doch für die meisten steht eine Menge auf dem Spiel. Chile wartet auf das Absegnen eines Freihandelsabkommens mit den USA. Mexiko bemüht sich um Zugeständnisse bei der Behandlung der Millionen illegaler Einwanderer in den USA. Angola will mehr Öl in die USA exportieren und Kamerun und Guinea könnten weitere Exportkontingente ebenfalls gut gebrauchen. "Denen wird jetzt massiv Feuer gemacht", sagt ein westlicher UN-Diplomat in New York. "Geld, Druck, Entwicklungshilfe, Strafzölle - alles ist im Spiel."
Empört weisen die USA Vorwürfe zurück, sie übten Druck aus. Es habe sich lediglich um "Gespräche unter Freunden" gehandelt, sagte der Gesandte Reich nach seinem Treffen mit dem chilenischen Präsidenten Ricardo Lagos in Santiago. "Der Präsident bietet keine Gegenleistungen an", sagte US-Präsidentensprecher Ari Fleischer.
Doch der konservative Kommentator Charles Krauthammer spricht manchem Amerikaner aus der Seele, wenn er schreibt: "Wir müssen klar machen, dass ein Preis dafür zu zahlen ist, die USA in einer Frage höchster nationaler Interessen zu untergraben."
Widerstand gegen US-Wünsche kann Länder teuer zu stehen kommen. Die US-Wirtschaftshilfe für Jordanien brach drastisch ein, nachdem sich der damalige König Hussein beim Krieg zur Befreiung Kuwaits auf Bagdads Seite stellte. Den Zorn Washingtons bekam auch der Jemen zu spüren, der 1990 nach dem Einmarsch des Iraks in Kuwait gegen die UN-Kriegsresolution stimmte. 70 Millionen Dollar zugesagter Entwicklungshilfe wurden prompt gestrichen. "Das war das teuerste ,Nein‘, das Sie je geäußert haben", soll ein US-Diplomat dem jemenitischen UN-Botschafter damals beim Rausgehen aus dem Sitzungssaal zugeraunt haben.