Was wird geschehen, wenn die US-Truppen weiterziehen? Gerüchte kursieren, dass Saddam Husseins Spitzel bereits auskundschaften, wer besonders freundlich zu den Amerikanern war.
Die Versorgung hat schon jetzt gelitten: Aus dem umkämpften Basra kommen seit Tagen kein Wasser und keine Lebensmittel mehr an. "Das Essen reicht noch für eine Woche, das Wasser aus Basra kommt nicht mehr an, der Strom ist ausgefallen, die Medikamente sind aufgebraucht." Voller Sorge schildert der Arzt, der sich im Interview nur Ali nennt, die Notlage. Die Taktik der US-Armee, sich nicht auf einen Häuserkampf einzulassen und die Städte bei ihrem Vormarsch auf Bagdad zu umgehen, hat für die Bevölkerung gravierende Folgen. Nicht nur die Versorgung ist beeinträchtigt; es entsteht auch ein gefährliches Machtvakuum. "Was wir dringender brauchen als Lebensmittel und Wasser, ist Sicherheit", betont Ali. "Es gibt hier keine Polizei mehr. Die Leute sind sehr verängstigt, das könnte in ernsthaften Ausschreitungen enden."
Statt Polizisten in Uniform sollen jetzt Elitetruppen von Saddam Hussein inkognito unterwegs sein, um Listen mit Dissidenten zu erstellen. Die Spitzel haben angeblich mehrere Häuser in Brand gesteckt und Zivilisten verletzt. "In Bagdad hat man im Fernsehen beobachten können, wie Leute von hier die amerikanischen Soldaten umarmt haben, als sie in Safwan eingezogen sind", sagt Ali. Jetzt hätten diese Menschen Angst, dass die Elite-Garde des Präsidenten zurückkommt und sie töten könnte.
Die Sorgen sind begründet: Nach dem Golfkrieg 1991 hatte sich die überwiegend schiitische Süd-Bevölkerung gegen Saddam Hussein erhoben. Der Machthaber schlug den Aufstand nieder, Tausende starben. Die Alliierten lehnten eine Einmischung damals mit der Begründung ab, sie seien am Golf, um das von Irak besetzte Kuwait zu befreien und nicht, um Recht und Ordnung im Irak sicherzustellen.
Die Bewohner Südiraks haben Angst, auch jetzt wieder allein gelassen zu werden. In Safwan ist die Stimmung gereizt. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP bekommt ein Gewehr unter die Nase gehalten. "Hau ab", zischt ein Anwohner. Am Sonntag evakuierte die britische Militärpolizei etwa 60 Journalisten. Angeblich hatten Saddam-Hussein-Getreue einen Überfall mit Raketenwerfern und Maschinengewehren auf die Journalisten geplant.
Der Vize-Chef des US-Zentralkommandos in Katar, Generalleutnant John Abizaid, räumt ein, dass es zu "Unregelmäßigkeiten" gekommen sei. Die US-britische Koalition wolle "mit der Zeit" irakische Polizisten und andere Beamte aussuchen, die an einer Zusammenarbeit mit den Alliierten interessiert seien, um so die Stabilität in der Gegend zu gewährleisten. Wie die Bevölkerung diese langfristige Planung überstehen soll, ist fraglich. "Alle Entscheidungen werden in Washington getroffen", erklärt Ali. "Deshalb wünsche ich mir, dass sie diesen Krieg schnell beenden. Wenn sie das nicht schaffen, ist dies erst der Anfang unseres Unglücks."