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US-Senioren kämpfen um Zuschuss für Arzneien

Während in Berlin seit Freitag Regierung und Opposition über eine neue Gesundheitsreform verhandeln und sich die Deutschen auf mehr Eigenbeteiligung etwa bei Kosten für Medikamente einstellen müssen, haben mehr als 40 Millionen US-Amerikaner noch elementarere Sorgen. Von Christiane Oelrich

Die Senioren kämpfen seit Jahren dafür, überhaupt einen Zuschuss zu Medikamenten zu bekommen. In diesen Tagen wird im Kongress über die größte Gesundheitsreform der US-Geschichte entschieden, die ihnen über Versicherungen einen bescheidenen Zuschuss sichern soll.

Ersparnisse aufgebraucht
Emily Eckert (79) aus Cleveland muss im Monat rund 120 Dollar (104 Euro) für Medikamente zahlen. Ihre Ersparnisse gingen für die Pflege ihrer beiden zuletzt schwer kranken Ehemänner drauf: 7000 Dollar Sparguthaben und zwei Lebensversicherungen im Wert von 3000 Dollar. „Wenn ich nicht in dieses Altenzentrum kommen könnte, müsste ich hungern“ , erzählte die Frau, die in der Einrichtung kostenlos essen kann, einer Reporterin der „Washington Post“ . Sie fragt sich, ob sie die geplanten Versicherungsbeiträge überhaupt zahlen kann.
Der Kongress debattiert seit Wochen über die größte Umgestaltung des so genannten Medicare-Programms. Das Programm, zu dem die Steuerzahler zeitlebens Beiträge leisten, wurde 1965 für Senioren aus der Taufe gehoben. Ab 65 Jahren haben alle Amerikaner Anspruch auf ärztliche Pflege in Ambulanz und Krankenhaus. Medikamente müssen aber bislang vollständig aus der eigenen Tasche finanziert werden. Wer kann, bezahlt für eine private Versicherung. Für rund 40 Millionen Senioren ist das aber unerschwinglich.
Nach den Plänen sollen Senioren künftig im Monat rund 35 Dollar für die neue Versicherung zahlen. Nach einem Selbstbeitrag von rund 275 Dollar im Jahr sollen sie dann den halben Preis der benötigten Medikamente ersetzt bekommen - bis zu einem Höchstbeitrag, der in Senat und Abgeordnetenhaus noch umstritten ist: zwischen 2000 und 4500 Dollar. Erst wenn die Kosten erheblich höher liegen, soll die Versicherung wieder ins Spiel kommen.
Für Präsident George W. Bush soll die Medicare-Reform ein großer Wahl-Renner werden. „Ich hoffe, dass auf meinen Tisch ein guter Gesetzentwurf landet, damit ich sagen kann, damit wir alle sagen können: Wir haben unseren Beitrag für die amerikanischen Senioren geleistet“ , sagte Bush vergangene Woche bei einer kaum verbrämten Wahlveranstaltung in Florida.

Jahrelang vergeblich gewartet
Jahrelang haben die Senioren vergeblich auf Hilfe gewartet. Ein wahrer Medikamententourismus in Richtung Kanada hat sich entwickelt. Viele Arzneien sind dort billiger. Andere sehen sich gezwungen, nötige Pillen im Internet zu bestellen - wo nicht immer astreine Produkte angeboten werden. Die Reform hängt noch im Vermittlungsausschuss des Kongresses. Sie dürfte über zehn Jahre 400 Milliarden Dollar kosten.
Doch ob die Rechnung der Regierung überhaupt aufgeht, ist noch nicht entschieden. Bislang ist die Reaktion privater Versicherer, die das neue Paket anbieten sollen, bestenfalls lauwarm. „Das Konzept einer Versicherung nur für Medikamente existiert im wahren Leben nicht“ , meinte der Gesundheitsexperte und frühere Budgetmitarbeiter des Weißen Hauses, Dan Mendelson. Die Sorge ist, dass nur Patienten, die schon krank sind und hohe Medikamentenrechnungen erwarten, die Versicherungspolicen kaufen. Damit ließe sich kein Geld machen. Der neue Plan würde ohnehin frühestens in vier Jahren in Kraft treten.