Bushs Vermächtnis wird sich daran bemessen, ob er die drohende Demütigung der Weltmacht USA im Irak noch abwenden kann. An Ratschlägen mangelt es ihm nicht: Gestern nahm Bush die schonungslose Analyse der Irak-Kommission unter Ex-Außenminister James Baker entgegen, die eine grundlegende Neuausrichtung des Kurses anmahnt. Der Irak gleite ins Chaos ab, warnt das Gremium. Es drohe "der Kollaps der irakischen Regierung und eine humanitäre Katastrophe". Nun ist Bush am Zuge.
Die Empfehlungen der Kommission gerieten zu einer drastischen Generalabrechnung mit Bushs Irak-Politik: "Wenn sich die Lage weiter verschlechtert, drohen ernsthafte Konsequenzen", urteilt das überparteiliche Gremium. Das Terrornetzwerk Al Qaida könne "einen Propagandasieg erringen und seine Einsatzbasis ausweiten". Das drohende Desaster könne weitreichende Auswirkungen auf die Außenpolitik des Landes haben: "Die weltweite Geltung der USA könnte abnehmen." Der gescholtene Präsident zeigte sich bei der Übergabe des Berichts offen für die Empfehlungen. Der Bericht der Kommission enthalte "einige sehr interessante Vorschläge", die er "sehr ernst nehmen" werde, sagte Bush. Er wolle rasch über den Kurs entscheiden.
Der Baker-Report schlägt einen grundlegenden Strategiewechsel vor: Die US-Kampfbrigaden könnten bis 2008 weitgehend aus dem Irak abziehen, wenn es "keine unerwarteten Entwicklungen" gebe. Die verbliebenen Soldaten - etwa 70 000 an der Zahl - sollten vor allem die irakische Armee ausbilden und als schnelle Eingreiftruppe gegen Al-Qaida-Aktivisten bereitstehen. Aus dem Kampfeinsatz würde also eine Ausbildungsmission. Derzeit sind noch etwa 144 000 US-Soldaten im Irak stationiert.
Die irakische Regierung soll unter Einsatz von Drohungen in die Pflicht genommen werden, schlägt die Baker-Kommission weiter vor: Wenn die irakische Regierung "keine substanziellen Fortschritte" in Sicherheitsfragen und bei der nationalen Aussöhnung mache, "sollten die USA ihre politische, militärische oder wirtschaftliche Unterstützung für die irakische Regierung reduzieren". Das ist knallharte Realpolitik: Von Bushs eigentlichem Ziel, den Irak zu einer arabischen Musterdemokratie zu machen, bleibt nichts mehr übrig.
Außerdem sollen die USA nach dem Willen der Kommission das Gespräch mit den Regionalmächten Iran und Syrien suchen. Dies lehnt Bush bislang mit dem Hinweis ab, beide Länder schürten die Gewalt im Irak. Die Baker-Kommission argumentiert genau andersherum: Iran und Syrien könnten ihren Einfluss auf die Milizen im Irak einsetzen, um die Gewalt einzudämmen.
Doch auch eine Hinwendung zu den Baker-Empfehlungen birgt Risiken. Der Iran und Syrien würden für eine beschwichtigende Rolle im Irak einen Preis verlangen. Der Abzug von US-Truppen aus dem Irak könnte zudem ein Machtvakuum schaffen, das vor allem die ambitionierte schiitische Regionalmacht Iran füllen könnte. Ausgerechnet Washingtons Erzfeind Iran würde als Sieger dastehen.