Nichts ging mehr am Donnerstag auf der Fifth Avenue in New York. Tausende blockierten die Straße, 50 Demonstranten legten sich auf die Straße, um die Toten des Kriegs zu symbolisieren.Manchmal sind die amerikanischen Kriegsgegner selbst überrascht, dass so viele Menschen an den Protestkundgebungen teilnehmen. Obwohl Umfragen eine breite Unterstützung für Präsident George W. Bush und den Krieg zeigen, erhält die Friedensbewegung immer mehr Zulauf. Kaum ein Tag vergeht inzwischen, ohne dass es in den großen Metropolen zu Protesten kommt.
Im Gegensatz zu den Vietnamkriegsprotesten, wo vor allem die Studenten auf die Straße gingen, sind es diesmal Amerikaner aus allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen. Bei einer Kundgebung in New York am vergangenen Wochenende, an der etwa 200 000 Menschen teilnahmen, erklärte ein 70-jähriger Mann, er habe früher nie an Demonstrationen teilgenommen, doch der Krieg gegen den Irak sei einfach nicht gerechtfertigt. Auch die Anwältin und gläubige Christin Mary Yelnick wirkt in ihrem grauen Kostüm nicht wie eine typische Demonstrantin.
Doch am vergangenen Donnerstag stand sie vor dem Rockefeller-Zentrum in New York und protestierte gegen den Krieg. "Ich konnte einfach nicht länger der Bombardierung zuschauen und nichts unternehmen", sagte sie im Fernsehen.
In der Nähe des Rockefeller-Zentrums hatten am Donnerstag Hunderte Demonstranten mit einem "Die-In" die berühmten Fifth Avenue für eine Stunde lahm gelegt, indem sie sich auf die Straße legten und tot stellten. Mehr als 200 Demonstranten wurden festgenommen.
Hunderte weitere Demonstranten, die einem Aufruf der Organisation M27 unter dem Motto "No business as usual" gefolgt waren, zogen anschließend weiter, um an anderen Stellen den Protest fortzusetzen.
Die Kundgebung vor dem Rockefeller-Center war bewusst gewählt, weil in dem Hochhaus viele Medien wie der Fernsehsender NBC ihre Büros haben.
Die Friedensorganisationen werfen den US-Medien vor, sie hätten sich vom Weißen Haus und dem "embedding-Programm" des Pentagon (ausgewählte Journalisten begleiten die kämpfende Truppe) vereinnahmen lassen.
Die Regierung habe den Amerikanern immer wieder eingebläut, dass Saddam Hussein für die Anschläge vom 11. September verantwortlich war, und 50 Prozent der Amerikaner glaubten dies inzwischen, weil die Medien dies kaum hinterfragten, kritisierte Aaron Unger von der Organisation M27.
Die Gruppe war bei ihrer Protestkundgebung auf der Fifth Avenue dem Vorbild der Friedensbewegung in San Francisco gefolgt. Dort legen Demonstranten tagelang den Verkehr lahm, indem sie sich an Brücken und Ampeln ketten und sich dann zu Hunderten festnehmen ließen. In der Hauptstadt Washington durchbrachen Demonstranten unterdessen die weiträumige Absperrung um das Weiße Haus und drangen in einen Park ein. Dutzende wurden festgenommen, darunter zwei Bischöfe und die beiden Friedensnobelpreisträger Jody Williams und Mairead Corrigan. In den kommenden Tagen und Wochen wollen die amerikanischen Friedensorganisationen weiter an ihrer Doppelstrategie festhalten: auf der einen Seite kleine Aktionen des zivilen Ungehorsams und auf der anderen Seite Massenproteste.
Die Friedensbewegung hat inzwischen auch erkannt, dass sie nicht an der Solidarität der meisten Amerikaner mit dem US-Militär rütteln sollte. So tragen immer mehr Demonstranten nun Banner mit der Aufschrift: "Unterstützt unsere Truppen - bringt sie nach Hause!"