Nun fragt es sich freilich, warum es ein Terrorist ausgerechnet auf Tiptonville in einem Landstrich zwischen Baumwollfeldern und dem Mississippi absehen sollte. Die nächste größere Stadt, Memphis, ist zwei Autostunden entfernt, das nächste Kernkraftwerk mehrere hundert Kilometer. Den letzten Mord hat Tiptonville CBS zufolge vor drei Jahren erlebt, den letzten Brand vor über drei Monaten. "Tiptonville scheint einer der sichersten Orte im ganzen Land zu sein", stellt der US-Sender fest. "Warum also all das Geld?" Bürgermeisterin Macie Roberson weiß die Antwort: "Wenn die Mittel vorhanden sind, dann nehmen wir sie auch."

Steuergelder verschleudert
Tiptonville ist nur ein Beispiel unter vielen. Jedes Jahr verschleudert der US-Kongress Milliarden Dollar an Steuergeldern für Projekte, die entweder gar nicht benötigt werden oder in erster Linie dazu dienen, die Wähler in den heimischen Wahlkreisen zufriedenzustellen und sich damit ihre Stimmen zu sichern. Bedeutet das manchmal schlicht, dass Gelder im Gießkannenprinzip verteilt werden, um vor allem kleinere Bundesstaaten nicht zu verprellen, greifen Abgeordnete und Senatoren häufig auch zu Tricks. Wohltaten "für daheim" werden in Zusatzgesetze "verpackt", die ganz einfach an größere Gesetze - etwa den Verteidigungsetat - angehängt werden. Das geschieht oft heimlich während der Gesetzesberatung in den zuständigen Kongressausschüssen. Bei der Endabstimmung in ihren Kammern wissen häufig die meisten Abgeordneten und Senatoren nicht e inmal, was sie da alles bewilligen.
"Pork barrel spending" - Ausgaben aus dem Schweinefleischfass - nennt man in den USA diese Spendierfreudigkeit der Kongressabgeordneten mit Blick auf die eigene Wiederwahl, laut Kongress-Bibliothek ein Begriff in Anlehnung daran, dass einst Speck aus Fässern an Sklaven ausgeteilt wurde. Im Steuerjahr 2005, schätzt die Beobachtergruppe "Bürger gegen Regierungsverschwendung" (CAGW), entfallen rund 27,3 Milliarden Dollar an Bundesausgaben auf "Pork"-Projekte wie etwa den 200 Millionen teuren Brückenbau in Alaska zur besseren Anbindung einer Insel mit 50 Einwohnern.

Millionen für Bären-DNA
Der republikanische Abgeordnete John McCain, einer der schärfsten "Pork"-Gegner im Kongress, ärgert sich insbesondere über die jüngste Bewilligung von 100 000 Dollar für ein Museum rund ums Wetter in Punxsatawney - jenem Ort, an dem jedes Frühjahr Murmeltier Phil voraussagt, wann der Winter zu Ende geht. Aber das schlimmste Beispiel für eine derartige Vergeudung, an das er sich erinnern könne, seien "die drei Millionen Dollar, die wir für das Studium der DNA von Bären in Montana ausgegeben haben", meint McCain. Die Organisation CAGW hat ihre eigene Favoritenliste von "Pork" der vergangenen Jahre: Dazu gehören 102 Millionen für das Studium einer Würmerart, die es schon lange nicht mehr auf dem Boden der Vereinigten Staaten gibt und 2,2 Millionen für die "Renovierung des Nordpols".

Teure Anlage gut verpackt
Der Heimatschutz, für den seit den Anschlägen vom 11. September 2001 fast zehn Milliarden Dollar locker gemacht wurden, ist eine besonders ergiebige Quelle, aus der sich schöpfen lässt. So profitierte nicht nur Tiptonville. Converse in Texas etwa erfreut sich CBS zufolge nun einer mobilen "Sicherheitszentrale", die aber bisher nur zum Transport von Rasenmähern zum städtischen Rasenmäherwettrennen benutzt wurde. Die Abteilung des Sheriffs in Santa Clara (Kalifornien) schaffte mehrere der zweirädrigen Segway-Roller an: Im Kampf gegen den Terror kommt es eben auch auf Schnelligkeit an. Oder anscheinend auch auf Müllwagen mit moderner Klimaanlage, denn die leistete sich Newark in New Jersey aus dem Antiterrortopf.
Mason County im Bundesstaat Washington hat jetzt eine teure Entseuchungsanlage, aber niemand hat gelernt damit umzugehen. Also steckt sie seit einem Jahr in der Verpackung. Oklahoma schließlich kann nach Medienberichten nun dank des spendablen Kongresses seine Häfen schützen - auch wenn es keinen einzigen hat.