Die beiden Hauptangeklagten ließen sich lange Bärte wachsen, wie sie die Islamisten so gerne tragen. Der mutmaßliche Al-Kaida-Terrorist Jamil S. sammelte wegen fortwährender Missachtung des Gerichts 145 Tage Ordnungshaft an. An diesem Donnerstag geht vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht der - abgesehen vom NSU-Prozess - aufwendigste und längste Terrorprozess der vergangenen Jahre in Deutschland zu Ende. Die vier Angeklagten sollen die "Düsseldorfer Zelle" der islamistischen Terrorgruppe Al Kaida gebildet und Splitterbombenanschläge vorbereitet haben.

An 163 Tagen - mehr als zwei Jahre und drei Monate - hat der Staatsschutzsenat unter Vorsitz von Richterin Barbara Havliza (56) im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgericht gegen das Quartett verhandelt.

Die Wohngemeinschaft der jungen Muslime in der Düsseldorfer Witzelstraße war rund um die Uhr observiert worden. Als die Aktivitäten in der Wohnung und die Einkäufe der Männer auf den Bau einer Bombe hindeuten, befehlen die Verantwortlichen den Zugriff. Drei von ihnen werden am 29. April 2011 festgenommen und aus dem unscheinbaren Haus in der Nähe der Düsseldorfer Universität geführt. Zu diesem Zeitpunkt ist Osama bin Laden noch der meistgesuchte Terrorist der Welt.

Fünf Wochen später stirbt er im Kugelhagel einer US-Militäroperation. Die Festplatten, die die Navy Seals aus seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad mitnehmen können, werden die in Düsseldorf festgenommenen Männer später zusätzlich belasten.

Gleich mehrfach abgespeichert war in Osama bin Ladens Haus ein Schreiben, das ziemlich genau auf den Hauptangeklagten Abdeladim El-K. (33) hinweist, sogar sein Geburtsdatum nennt. Er soll der Kopf der "Düsseldorfer Zelle" sein, nach Europa entsandt mit dem Auftrag, ein Blutbad anzurichten. In E-Mails an die Al-Kaida-Führung heißt es: "Oh, unser Scheich, wir halten noch unser Versprechen. Wir werden mit dem Schlachten der Hunde anfangen."

Der Senat hat in den vergangenen beiden Jahren 22 Sachverständige gehört und 145 Zeugen vernommen, darunter FBI-Beamte, Terrorexperten und Geheimdienst-Chefs.

Der erhebliche Aufwand des Gerichts wird am Donnerstag fortgesetzt: Die Urteilsbegründung werde mehrere Stunden dauern und weit in den Nachmittag reichen, kündigte ein Gerichtssprecher an.

Die Verteidiger beklagten den - aus ihrer Sicht - nicht hinreichend aufgeklärten Einfluss der Geheimdienste auf das Verfahren. Dokumente seien massiv geschwärzt worden, berichtete Rechtsanwalt Johannes Pausch, der "die gebotene Trennung zwischen geheimdienstlichen und polizeilichen Ermittlungen" aufgeweicht sieht.

Die Bundesanwaltschaft entgegnete, dass hinreichend Beweise rechtsstaatlich einwandfrei und ohne Zutun der Geheimdienste zusammengetragen wurden. Woher der erste Tipp kam, sei damit für das Verfahren unerheblich.

"Ich habe nichts zu sagen", erklärte der Hauptangeklagte El-K. in der vergangenen Woche und verzichtete auf sein Recht des letzten Wortes. Die Bundesanwaltschaft forderte neuneinhalb Jahre Haft für ihn. Sie hält ihn für den bislang ranghöchsten Al-Kaida-Terroristen vor einem deutschen Gericht. Zu den Terrorvorwürfen schwiegen alle Angeklagten eisern.

Die Ankläger beantragten für Jamil S. (34) acht Jahre, Amid C. (23) sechs Jahre und neun Monate sowie für Halil S. (30) sechs Jahre Haft. Die Verteidiger fordern Freisprüche, für Halil S. eine Strafe unter drei Jahren Haft und für den Hauptangeklagten El-K. maximal sieben Jahre Gefängnis. Dreieinhalb Jahre hat er bereits in Untersuchungshaft verbüßt.