| 17:29 Uhr

UPDATE Mehr als 1700 deutsche Soldaten in Polen exhumiert

Solche Erkennungsmarken können Aufschluss über den Toten geben.
Solche Erkennungsmarken können Aufschluss über den Toten geben. FOTO: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Torun. Die große Anzahl hat den Volksbund für Deutsche Kriegsgräberfürsorge überrascht - im polnischen Torun sind bei Erschließungsarbeiten für ein Wohngebiet auf dem Gelände 1700 deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg in einem Gräberfeld entdeckt und exhumiert worden. Frank Hilbert

"Wir haben nicht gedacht, dass dort so viele Tote gefunden werden", sagt Thomas Schock, Referatsleiter im Umbettungsdienst beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Kassel, am RUNDSCHAU-Telefon. "Das hat uns überrascht." Bei Erschließungsarbeiten für eine Eigenheimsiedlung in der polnischen Stadt Torun (Thorn) seien die Bauarbeiter im November des vorigen Jahres auf Skelette gestoßen. Diese hätten dann die Archäologen eingeschaltet. Als diese wiederum das Ausmaß des Gräberfeldes erahnten, sei der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge informiert worden.

Aus dem entdeckten Massengrab sind rund 1700 Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg geborgen worden. "Es handelt sich nach unserem jetzigen Erkenntnisstand um ein Lazarett für Kriegsgefangene in der Zeit von 1945 bis 1946. Es war zunächst in russischer Hoheit und ist dann irgendwann an die Polen übergeben worden", sagt Thomas Schock.

Bereits 1996 habe man dort gearbeitet und 1194 Tote gefunden. "Wir hatten damals gedacht, das wären alle", erinnert sich der Referatsleiter. Unter den jetzt exhumierten Toten hätten sich auch vier Kinder und fünf Frauen befunden. Es seien auf dem Ausgrabungsfeld keine Einzelgräber gefunden worden, sondern diese stets für mehrere Personen ausgehoben worden - möglicherweise jene, die in der Nacht zuvor im Lazarett gestorben waren.

Über die genauen Todesursachen lägen bisher keine Erkenntnisse vor. Auch nicht, ob einige möglicherweise erschossen wurden oder welcher Einheit sie angehörten. Einige konnten anhand der halben Erkennungsmarken identifiziert werden, deren andere Hälfte seinerzeit nach Deutschland als Todesmeldung an die Wehrmachts-Auskunftsstelle geschickt wurde. Es gebe aber auch viele Tote, die ihre komplette Marke noch bei sich trugen.

Alle 1700 geborgenen Toten sollen auf einen Soldaten-Friedhof im ostpolnischen Elk umgebettet werden, sagt Thomas Schock. Ob es danach einen offiziellen Akt geben wird, werde derzeit noch überlegt. Nach wie vor gebe es Anfragen von Hinterbliebenen, die sich vom Volksbund für Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine Auskunft über das Schicksal von im Krieg verschollenen Angehörigen erhoffen. "Inzwischen melden sich viele aus der Enkelgeneration bei uns, die im Rahmen der Ahnenforschung tätig sind", weiß der Referatsleiter. Wer sich Gewissheit über das Schicksal von im Krieg gebliebenen Angehöriger verschaffen will, könne jederzeit einen Antrag an den Volksbund stellen.