Der Beginn des Dramas liegt irgendwo im Dunkel eines Familienzwists. In Afghanistan überwarf sich der vom Islam zum Christentum übergetretene Abdul Rahman mit seinen Eltern, der Streit kochte hoch, fand seinen Weg an ein Gericht und wuchs sich für die Regierung in Kabul zu einem Politikum aus, das rund um die Erde Wellen schlägt. Es fing an, als Rahmans Eltern kürzlich bei der Polizei erschienen. Sie berichteten, ihr Sohn sei vom Islam abgefallen. Ein todeswürdiges Vergehen, befand die Justiz und eröffnete einen Prozess. Präsident Hamid Karsai steckt in der Zwickmühle: Einerseits muss er auf die Unabhängigkeit der Justiz pochen, andererseits würde eine Verurteilung die Verbündeten und Geldgeber im Westen verärgern.

In Deutschland gelebt
Wenig ist bekannt über den Mann, der wider Willen in den Strudel einer internationalen Affäre geriet. Möglicherweise sei Abdul Rahman geistig verwirrt und könne deshalb gar nicht verurteilt werden, hieß es gestern bei der Justiz in Kabul. Richter Ansarullah Mawlawisada sagte in Kabul, Rahman habe am ersten Verhandlungstag eindeutig zugegeben, vor 16 Jahren zum Christentum übergetreten zu sein. Er habe neun Jahre in Deutschland gelebt und zeitweise für eine christliche Hilfsorganisation im benachbarten Pakistan gearbeitet. Rahman zeige "keinerlei Reue" darüber, dem Islam den Rücken gekehrt zu haben, berichtete Mawlawisada.
Nachdem Rahmans Religionswechsel den Behörden offenbar jahrelang verborgen blieb, schwärzten die Eltern ihren inzwischen 41 Jahre alten Sohn bei der Polizei an. Die Verhältnisse innerhalb der Familie werden als schwierig beschrieben. Die Eltern zogen Rahmans 13 und 14 Jahre alten Töchter auf. Als er aus Deutschland in seine Heimat zurückkehrte und sich um das Sorgerecht für seine Kinder bemühte, gab es Streit. So wurde der Glaubenswechsel den Behörden bekannt und Rahman verhaftet.
Offenbar wusste der Vater, was er tat, als er seinen Sohn anzeigte. Ein Ermittler in dem Verfahren zitiert aus einer Aussage des 75-Jährigen: "Wenn er für die Sache des Islam sterben muss, dann soll er sterben. Er hat Schande über uns gebracht." Was genau zu dem heftigen Streit führte, blieb allerdings unklar.
Karsais Regierung bemühte sich gestern um Beschwichtigung. Denn die USA, Deutschland, Italien - wichtige militärische Verbündete und Geldgeber - fordern das Recht auf Religionsfreiheit ein und warnen vor einer Hinrichtung des Konvertiten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich besorgt über den Prozess.

Familienstreit war Auslöser
Karsais Sprecher Chaleek Ahmad verwies jedoch auf die Unabhängigkeit der Justiz - ein Grundsatz, der der westlichen Auffassung von Rechtstaatlichkeit entspricht. Außenminister Abdullah Abdullah sagte, die Regierung könne nicht eingreifen. Es handele sich um einen Streit in einem Familienclan.
Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma könnte für die Regierung die Frage nach Abdul Rahmans Schuldfähigkeit sein. Es gebe Anzeichen dafür, dass Abdul Rahman psychisch krank sei, sagte inzwischen der Sprecher des Obersten Gerichts in Kabul, Wakil Omari. Zunächst müsse nun ein medizinisches Gutachten über seine Schuldfähigkeit erstellt werden. "Sollte sich erweisen, dass er psychische Probleme hat, kann er nicht verurteilt werden", sagte Omari.