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Bahnverkehr
Bäume fliegen nicht aufs Gleis, sie fallen um

Noch immer ist der Zugverkehr des RE 2 zwischen Cottbus und Berlin eingeschränkt. Umgekippte Strommasten wie hier bei Eichwalde behindern eine Durchfahrt.
Noch immer ist der Zugverkehr des RE 2 zwischen Cottbus und Berlin eingeschränkt. Umgekippte Strommasten wie hier bei Eichwalde behindern eine Durchfahrt. FOTO: Gerlinde Irmscher / MAZ
Cottbus/Königs Wusterhausen.  Bahnexperte Hans Leister kritisiert unzureichende Vegetationspflege entlang der Gleise. Bahn weist die Vorwürfe zurück. Von Christian Taubert

Das Aufmachungsfoto auf dieser Seite verdeutlicht bei genauerem Hinsehen in vielerlei Hinsicht die Dramatik der Hinterlassenschaften von Sturmtief „Xavier“. Das Bild ist in der Nähe von Eichwalde aufgenommen worden, wo nach Auskunft der Bahn sieben Oberleitungsmasten in Mitleidenschaft gezogen wurden. Nach fünf Tagen arbeiten sich noch immer Reparaturtrupps der Bahn von Lübbenau Richung Königs.Wusterhausen und von KW in Richtung Berlin voran, damit die RE.2-Strecke wieder ans Netz angeschlossen werden kann.

Dieses Foto zeigt zugleich, dass ohne repariertem Fahrdraht keine Elektrolok aufs Gleis kommt. Die weiter hinten zu sehenden umgestürzten Bäume, die von der Oberleitung vor dem Sturz auf die Gleise gehalten werden, verhindern zurzeit noch, dass die Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) vorübergehend Dieselloks einsetzen könnte.

Die verheerenden Schäden, die „Xavier“ in der Bahn-Region Berlin-Südbrandenburg hinterlassen hat, bremsen Berufspendler und Bahnreisende noch bis mindestens Mittwoch aus. „Wir sind dran, die Züge so schnell wie möglich wieder aufs Gleis zu bekommen“, sagt DB-Regionalsprecher Burkhard Ahlert.

Das Foto mit auf Oberleitungen gestürzten Bäumen, dazu der hohe Laubwald dicht beiderseits der Gleise, sind für den Bahnexperten Hans Leister Beleg dafür, „dass die flächendeckende Einstellung des Bahnverkehrs in Berlin und Brandenburg über 24.Stunden und in Teilbereichen über Tage nicht ganz so schicksalhaft ist, wie von der DB verbreitet wird“. Leister, der mehr als zweieinhalb Jahrzehnte als Bahnmanager in Berlin-Brandenburg tätig war, verweist auf Versäumnisse der DB bei der Vegetationskontrolle und -pflege. Während es bei der Deutschen Bundesbahn ein strenges Regelwerk für den Bewuchs entlang von Bahngleisen gab, habe sich die Situation mit der Bahnreform 1994 in Deutschland schlagartig geändert.

Leister schildert, dass die Vegetationskontrolle im Finanzmanagement zur „Instandsetzung“ geworden sei. Das heißt, schreibt Leister schon 2014 in einem Artikel für die „Eisenbahn-Revue international“, die Aufwendungen dafür würden sofort ergebniswirksam. Neubau und Großinstandsetzung übernahm jetzt entweder der Bund oder sie würden über längere Zeit abgeschrieben.

Im Klartext: Das Gleis regelmäßig als präventive Instandhaltung von Grünwuchs und Bäumen zu befreien, muss die Aktiengesellschaft DB Netz selbst bezahlen, schildert Hans Leister. Hier zu sparen und den Bewuchs nach dem System „Verkommenlassen“ nach zehn Jahren als von Bund getragene Instandsetzung zu deklarieren und auszuführen, mache für die Bahnmanager Sinn. Leister räumt allerdings ein, „dass das erwünschte Wirtschaftsergebnis unter den von der Bundesregierung gegebenen Rahmenbedingungen sich nur so erzielen lässt“.

Folgen dieses fehlgesteuerten Systems der Bahninfrastrukutur-Instandhaltung sind für Leister, der heute als Berater für Wirtschaft und Politik auftritt:

Erstens: periodische Großinstandsetzungen mit monatelangen Sperrungen und Umleitungen statt einer nachhaltigen Vegetationspflege.

Zweitens: Die vernachlässigte Vegetationskontrolle, womit riesige Bäume in unmittelbarer Nähe der Bahntrassen zugelassen wurden, führt bei etwas stärkerem Wind und Unwettern sofort dazu, dass Äste und ganze Bäume auf die Fahrleitung fallen. Dies habe Streckensperrungen zur Folge und gefährde Leben und Gesundheit der Lokführer.

Leister fügt hinzu: „Wenn der Schienenverkehr in Deutschland wieder zu einem zuverlässigen System werden soll, dann bedarf es einer Riesenanstrengung und nachhaltiger, kontinuierlicher Vegetationspflege“. Die entscheidende Prämisse sei dabei: Die Bäume an den Gleisen dürften nicht höher sein als die Entfernung zum Bahnkörper.

Für den Dresdner Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn (Grüne), der 2014 bereits eine Anfrage an die Regierung zu diesem Thema gestellt hatte, ist in den letzten Jahren wieder mehr in Sachen Vegetationspflege durch die Bahn unternommen worden. Auch vor dem Hintergrund, dass sich extreme Wetterlagen mit dem Klimawandel häuften. „Die Folgen von Xavier müssen analysiert und ausgewertet werden“, fordert Kühn vom Bahnmanagement.

Die Bahn selbst reagiert am Montag verwundert auf die Anwürfe von Hans Leister und weist die Kritik, kein Vegetationsmanagement durchführen, zurück. Das Programm zum präventiven Grünrückschritt sei sogar verstärkt worden, erklärt Burkhard Ahlert, Bahn-Pressesprecher für Berlin/Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Das Konzept des Vegetationsmanagements der DB Netz AG sei ein wichtiger Baustein, „mit dem sich die Bahn auf die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen einstellt“. Bei der Vegetationspflege arbeitet die DB Netz bereits seit 2007 kontinuierlich an der Umsetzung eines Präventionsprogramms.

Ahlert erläutert, dass alle Strecken durchgearbeitet werden, „indem auf mindestens sechs Metern rechts und links der Gleise die Vegetation zurückgeschnitten wird“. Weiterhin erfolge innerhalb der gesetzlichen Vorgaben eine regelmäßige Inspektion der Vegetationsbestände an den Strecken. Für Neupflanzungen würden nur noch standsichere, tiefwurzelnde Baumarten wie Eiche oder Blutahorn eingesetzt. In fast allen Regionalbereichen der DB sei dieses Programm bereits vollständig umgesetzt. Für diese Art der Instandhaltung habe die DB 2016 einen knapp dreistelligen Millionenbetrag investiert.

Für Leister sind die Folgen von „Xavier“ dennoch genügend Grund zum Nachdenken, weshalb immernoch viele umgestürzte Bäume die Oberleitungen und Gleise erreichen. Er sagt: „Bäume fliegen nicht aufs Gleis, sie fallen um.“