Susanne Altmann steht vor dem historischen Adelspädagogium in der Ortsmitte von Uhyst (Landkreis Görlitz). Sie zeigt auf die Fenster des sanierungsbedürftigen Gebäudes. Namen wie Ruanda, Afghanistan und Tibet prangen dort in Frakturschrift. Sie wurden von der polnischen Künstlerin Joanna Rajkowska angebracht, die das Haus in ein fiktives Flüchtlingsheim verwandelte.


Das Kunstwerk, das in dem Dorf in der Lausitz bei einigen für Kopfschütteln sorgte, ist Teil des Projekts "Über Tage". Zusammen mit dem Medienkunstfestival Transnaturale soll es die ehemalige Tagebauregion rund um den Bärwalder See unverwechselbar und touristisch attraktiv machen. Die Kunst dürfe auch mal komplexer sein, solange sie begreifbar und sichtbar bleibe, sagt die Kunsthistorikerin Altmann, die "Über Tage" organisiert.
Angesichts des Kunstprojekts am Pädagogium habe ein Mann grummelnd gefragt, ob man das Geld nicht für etwas anderes hätte ausgeben können, berichtet Altmann. "Ich halte es für berechtigt, solche Fragen zu stellen", sagt sie. Nach einer Besichtigung habe der Mann über die "schönen Räume" im Haus gestaunt. "Genau das ist es, darum geht es", ruft Altmann den rund 20 Uhystern zu, die zur Einweihung neuer "Über Tage"-Arbeiten gekommen sind. "Die Kunst markiert unentdeckte Potenziale, sie öffnet unsere Augen", sagt sie.
Im vergangenen Jahr hatte Altmann die knochenförmigen Betonsteine von Stefan Schröder am Strand des Sees eingeweiht. Wörter wie "umsiedeln", "auffüllen" oder "vergessen" sind in die Objekte eingeprägt. Vor der beeindruckenden Kulisse der drei je 300 Meter hohen Schornsteine des Kohlekraftwerks Boxberg spielen die Begriffe mit der Geschichte von Tagebau und See, für jedermann verständlich, hofft Altmann.
Im Schlosspark von Uhyst schlängeln sich leuchtend rote Schriftzüge aus Kunststoff die Baumstämme entlang. Es handle sich um Zitate aus Gartenbaukunst und der Heimatgeschichte von Uhyst, erläutert Altmann das Werk der Dresdner Künstlerin Juliane Köhler. "Der Park liegt voller Kohle" steht auf einem der Bäume, denn einst sollte der Park für ein Flöz abgebaggert werden. Erhalten blieb er nur, weil Ingenieure aus dem Ort den kohlereichen Kern der Probebohrung absichtlich mit einem kohlearmen vertauschten, wie Johanna Gruner vom Uhyster Heimatverein berichtet. Bei aller Freude über die Kunst: Gruner tat sich schwer mit der roten Schrift. "Da war etwas im Park, das hier nicht reingehört", sagt sie.
Dann erzählt sie, wie das Sorbische als zweite Muttersprache langsam aus der Region verschwindet. Vor allem die Abwanderung junger Leute sei eine Gefahr für die slawische Sprache. Auf der anderen Seite des Sees, wo die Kühltürme des Kraftwerks noch immer dicke Rauchwolken in die Luft blasen, hat der Künstler Rupprecht Matthies der Sprache ein Kunstwerk gewidmet. 104 sorbische Begriffe hat er aus Stahl geschnitten, lackiert und thematisch sortiert in Stahlgestelle gehängt. Insgesamt sechs dieser Stelen, wie er sie nennt, stehen in der Gegend zwischen den Orten Uhyst und Nochten. In der Stele am Seeufer, dort wo abends Jugendliche zusammenkommen, steht "To jo cool." "Das ist cool", übersetzt Altmann.
Nur ein paar Schritte weiter liegt ein riesiges, begehbares Ohr am Strand. Der polnische Künstler Jaroslav Kozakiewicz hat dafür Tausende Kubikmeter Erde auf 350 Metern Länge zusammengeschoben. Die gigantische Skulptur soll dann, wenn der größte See Sachsens vollständig geflutet ist, ein Mittelpunkt für das kulturelle und touristische Leben um den See sein. Vom höchsten Punkt des Ohres, aus 18 Metern Höhe, kann weit über den See geblickt werden, über Klitten und den neuen Hafen, der einmal Wassertouristen anlocken soll, bis hinüber nach Uhyst.
Dort, am Adelspädagogium mit den Namen im Fenster, steht Johanna Gruner und sagt: "Die Kunst fängt an, Besitz zu ergreifen vom Dorf." Die Kunsthistorikerin Altmann, die am Abend wieder nach Dresden zurückfahren wird, sagt: "Wir sind die Neuankömmlinge, wir müssen uns hier beweisen. Nicht die Kunst verändert das Dorf, sondern das Dorf die Kunst."
Informationen im Internet unter: www.ueber-tage.de


Transnaturale
 Die 4. Transnaturale findet vom 29. bis 31. August am Bärwalder See (Landkreis Görlitz) statt. Eröffnet wird sie am 29. August am Uhyster Ufer . 130 Künstler beteiligen sich.