Heute weiß kaum noch jemand, dass Woltersdorf und Rüdersdorf zu den berühmtesten Drehorten der deutschen Filmgeschichte gehörten.
Stand doch am Ufer des Kalksees in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts die größte Kulissenstadt Europas. Der Regisseur und Filmproduzent May hatte die Phantasiewelt aus indischen Tempeln, Palästen, überlebensgroßen Buddas, afrikanischen Lehmhütten und furchterregenden Betondrachen in den märkischen Sand bauen lassen. Mehr als 50 Stummfilme, aber auch die ersten Ton-Streifen wurden hier gedreht. Die richtige Kombination von Wasser, Wald, Sand und Fels bot vor den Toren Berlins eine flexible, brauchbare Filmbühne.
Während Berlin schon damals als teueres Pflaster galt, waren neben der idyllischen, vielseitigen Landschaft wenige Kilometer weiter östlich auch noch die Komparsen billig. Bis zu 2000 Woltersdorfer und Rüdersdorfer wirkten allein beim Dreh für "Das indische Grabmal" mit, jenes Stummfilm-Zweiteilers aus den 20er-Jahren, der es zu Weltruhm schaffte. Hinzu kamen bis zu 300 Handwerker, die unter anderem aus Holz, Beton, Gips und Eisen den indischen Kulissen-Palast von Eschnapur erbauten. "May ließ diese Bauten sogar noch anmalen - ein Wahnsinns-Aufwand für Schwarz-Weiß-Filme", erzählt der Woltersdorfer Historiker Gerald Ramm.

105 Filme in Region gedreht
Mittlerweile ist es bereits 100 Jahre her, dass in Woltersdorf und Rüdersdorf der erste Film gedreht wurde. "Buchholzens Abenteuer im Hochgebirge" nach einem Lustspiel von Gustav Schönwald entstand nicht in den Alpen, sondern im Rüdersdorfer Kalkbruch. "Bis heute sind in der Region 105 Filme gedreht worden, wenn auch nicht immer komplett, sondern teilweise nur einzelne Szenen", hat Cora Krüger in diversen Archiven recherchiert. Gemeinsam mit weiteren Film-Enthusiasten aus der Region will sie die verstaubte 100-jährige Filmgeschichte von Woltersdorf-Rüdersdorf in die Erinnerung zurückholen.
Für den 21. September ist eine Ausstellung in Vorbereitung, die zunächst im Rüdersdorfer Kulturhaus, als Dauer-Schau dann im Woltersdorfer Aussichtsturm gezeigt wird. Zu sehen sind vor allem Autogrammkarten, alte Fotos von Dreharbeiten, Presse-Veröffentlichungen, Filmausschnitte, alte Baupläne zur Mayschen Filmstadt - Dokumente, die Historiker Ramm zusammengetragen hat, der zu diesem Thema bereits 1997 ein Buch mit dem Titel "Das märkische Grabmal" veröffentlichte. Besucher erfahren nicht nur wissenswertes zur Stummfilm-Hochburg, sondern auch, dass Wim Wenders das traditionelle Landschaftsensemble 1993 für seinen Film "In weiter Ferne, so nah!" nutzte und der Defa-Klassiker "Solo Sunny" 1980 zu großen Teilen im Rüdersdorfer Kulturhaus gedreht wurde.

Sechs Säulen sind der Rest
Die charakteristische Kalksteinlandschaft diente 2000 auch dem Stalingrad-Epos "Duell - Enemy at the gates" mit Hollywood-Star Jude Law als Kulisse. Auf die monumentalen Phantasiebauten der Mayschen Filmstadt können Regisseure und Produzenten allerdings heute nicht mehr zurückgreifen. Bis auf sechs Säulen auf einem Privatgrundstück erinnert heute nichts mehr an die Filmgeschichte von Woltersdorf und Rüdersdorf. Auf den Fundamenten des Palastes von Eschnapur am Ufer des Kalksees stehen heute zwei Einfamilienhäuser.
Das einstige Kurhaus von Woltersdorf, in dem Stummfilmstars wie Pola Negri, Emil Jannings oder Lil Dagover während der Dreharbeiten logierten und für hohe Champagner-Rechnungen sorgten, ist heute ein evangelisches Krankenhaus. Das einstige Filmstadt-Verwaltungsgebäude beherbergt jetzt Schwesternwohnheim und Tagesklinik. Nichtsdestotrotz wollen die Rüdersdorfer Film-Enthusiasten begleitend zu ihrer Ausstellung Führungen zu den Originalschauplätzen der einstigen Filmgeschichte anbieten. "Nur so kann man die Historie wieder lebendig machen", sagt Krüger und verweist auf den Museumspark Rüdersdorf, in dem frühere Felskulissen und Bergwerkstollen noch heute erhalten sind.