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| 01:09 Uhr

Unter Lebensgefahr an die Wahlurnen

Ungeachtet der Todesdrohungen von Extremisten haben Millionen von Irakern bei den ersten freien Wahlen seit dem Sturz von Saddam Hussein ihre Stimme abgegeben. Überschattet wurden die Parlaments- und Regionalwahlen vom Boykott der Sunniten und zahlreichen Anschlägen, die mindestens 36 Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderten. Von Mohammed Hasni <br> und Lamia Radi

Der Schauplatz ist derselbe, aber das Geschehen ein völlig anderes. Unter der Herrschaft von Saddam Hussein pflegten in der Bagdader Bin-Ghaswan-Schule die Elitekader der Baath-Partei für den irakischen Machthaber zu stimmen, wenn er zu seiner Bestätigung aufgerufen hatte. Zuletzt am 15. Oktober 2002 und Saddam Hussein erhielt 100 Prozent. Gestern war die Schule wieder ein Wahllokal, doch nicht mehr Saddam-Sohn Udai kam hierher, sondern Menschen wie Mohammed Dlimi und seine Frau, die wählen wollten, "um zu zeigen, dass wir eine Rückkehr zur Stabilität wollen". Unter den zustimmenden Blicken seiner Frau betont der Sunnit Dlimi: "Wir wollen ein sichereres Land und eine bessere Zukunft."
Viele seiner Landsleute nutzten trotz der massiven Drohungen der Aufständischen und landesweiter Anschläge die Gelegenheit, erstmals seit dem Sturz Saddam Husseins in freien Wahlen ihre Stimme abzugeben. Besonders hoch war die Beteiligung bei Schiiten und Kurden, bei den Sunniten hingegen war sie nach den Boykottaufrufen ihrer politischen Führer erwartungsgemäß sehr niedrig.
Das Wahllokal der Schule in Bagad ist durch drei verschiedene Sicherheits-Bannmeilen abgeschottet. Nicht einmal einen Kugelschreiber dürfen die Wähler mit hereinbringen. "Alles ist okay und es gibt keine Probleme", befindet Wahlhelfer Ammar Abdel Dschabbar trotz der allein mindestens neun Selbstmordanschläge auf andere Bagdader Wahllokale. Zwar bildet sich keine Warteschlange in der Bin-Ghaswan-Schule, doch wandern viele Stimmzettel in die Urnen.
Im sunnitisch dominierten Mossul im Norden des Landes bietet sich ein anderes Bild; die wichtigsten sunnitischen Vertreter hatten zum Boykott aufgerufen. Obwohl zahlenmäßig fast unbedeutend, gehen in vier Wahllokalen im Osten der Stadt immerhin einige Dutzend Iraker an die Urnen. Aufständische machen allerdings ihre Drohungen war und beschießen ein Wahllokal mit Mörsergranaten. Ein Wähler wird von einem Scharfschützen verletzt.
In Samarra hat der Bürgermeister den Urnengang aus Sicherheitsbedenken abgesagt. Außer einigen Offiziellen von der Wahlkommission ist dort ohnehin niemand an den Urnen erschienen. In der Widerstandshochburg Falludscha tauchen nur wenige Einwohner in einem der fünf Wahllokale auf. 50 Kilometer weiter westlich in Ramadi verbringen die Helfer in den drei Wahlbüros einen geruhsamen Nachmittag - ohne Wähler.
Für die lange unterdrückten Schiiten hingegen sind die Wahlen eine historische Chance. Deshalb hat sich der 56-jährige Dschauwad Schkeir in der heiligen Stadt Nadschaf auf den Weg an die Urnen gemacht, obwohl er sich als Blinder mühsam von Verwandten ins Wahllokal führen lassen muss. "Ich bestand darauf, zu kommen, weil es religöse Pflicht ist, wie Großayatollah Ali Sistani sagt", verweist Schkeir auf den geistlichen Führer der irakischen Schiiten. Nach jahrzehntelanger Dominanz der zahlenmäßig unterlegenen Sunniten können die Schiiten nun erstmals die wichtigsten staatlichen Ämter übernehmen.
Vor der Wahlurne in Nadschaf strahlt die 80-jährige Mahdeja Saleh vor Stolz, soweit ihre fast vollständige Verschleierung dies zulässt. "Ich wurde unter Saddam Hussein oft zum Wählen gezwungen", erinnert sie sich. "Heute bin ich freiwillig gekommen, um den Kandidaten meiner Wahl zu wählen." Es werde die erste und die letzte Gelegenheit in ihrem Leben sein, ist sich Saleh sicher. Eine jüngere Frau hat ihr Baby zur Wahl mitgebracht, gewickelt in eine irakische Flagge. Der Enthusiasmus ist weit verbreitet in Nadschaf und in anderen Schiitengebieten. An vielen Wahllokalen bilden sich mehr als 200 Meter lange Warteschlangen, während Lautsprecherwagen der Polizei zur "Erfüllung der nationalen Pflicht" aufrufen.
Reger Andrang herrscht auch in der nordirakischen Kurdenstadt Erbil. In der Riskari-Schule wirft die Familienmutter Pina Mohammed soeben ihren Stimmzettel in die Urne. "Ich bin wählen gekommen, weil ich eine bessere Zukunft für meine Kinder will", sagt die mit einem Nationalgardisten verheiratete Frau. In der Kurdenmetropole Suleimanijeh erklärt Sicherheitschef Dana Ahmed Majid den Wahltag zu einem "Feiertag". "Ich glaube, dass 90 Prozent der Kurden heute wählen gehen."