In der Union tendiert die Bereitschaft zu weiteren Hilfen für Griechenland bei vielen Abgeordneten gegen Null, auch in der SPD bröckelt jetzt die Unterstützung. Am Mittwoch wird Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) den Haushaltsausschuss über die Lage informieren. Und am Donnerstag folgt dann die mit Spannung erwartete Regierungserklärung der Kanzlerin. Dabei besonders unter Beobachtung: ihr Finanzminister.

Sind beide noch "ziemlich beste Freunde", wie der Titel eines Films lautet, den sie sich einmal zusammen im Kino angesehen haben? Oder hat die Griechenlandkrise aus Angela Merkel und Wolfgang Schäuble ziemlich beste "Ex-Freunde" gemacht? Jede Regung, jede Geste wird am Donnerstag im Hinblick auf ihr Verhältnis beobachtet werden. Jedes Wort von Merkel landet auf der Goldwaage.

Denn in den vergangenen Tagen hat sich in Berlin der Eindruck verfestigt, dass das Duo nicht mehr gänzlich an einem Strang zieht. Sie will Griechenland unbedingt im Euro halten, natürlich nicht ohne Bedingungen. Aber Merkel will das Scheitern der eigenen Griechenlandpolitik verhindern und einen politischen Makel abwenden.

Schäuble sieht hingegen im "Grexit", dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone, schon eine Option. Hinter den Kulissen soll bereits an Szenarien gearbeitet werden, auch wenn das immer wieder bestritten wird. Europa ohne Regeln, das geht aus Schäubles Sicht nicht. So sieht es Merkel zwar auch, aber sie sorgt sich mehr um die verheerenden Folgen eines Ausstiegs. Gleichklang sieht anders aus.

Hörte man sich am Montag um, so wollte niemand bestätigen, dass es knirscht zwischen Kanzlerin und Finanzminister. Es gebe eine "produktive Arbeitsteilung", ließ das Finanzministerium verlauten. "Gelegentlich werden die Dinge überinterpretiert." In den Gremiensitzungen der CDU am Morgen, so betonten Teilnehmer, habe große Einigkeit in der Bewertung der Situation Griechenlands bestanden. Und aus der Fraktion hieß es, die unterschiedlichen Einordnungen seien kein Widerspruch, sondern Teil eines "abgestimmten Spiels" im Umgang mit Griechenland.

Doch ist dem tatsächlich so? Der Eindruck ist ein anderer. Merkel und Schäuble verbindet eine komplizierte Beziehung. Er war mal CDU-Chef und sie seine Generalsekretärin, bis sie ihn dann ablöste. Merkel war es, die seinen Aufstieg zum Bundespräsidenten verhinderte. Doch Schäuble ist loyal bis zur Selbstaufgabe. Sie fragt ihn nach Rat.

Politisch sind sie völlig unterschiedliche Temperamente. Schäuble geht eher Risiken ein; wäre er Kanzler, würde er kräftig am Reformrad drehen. Merkel agiert lieber auf sicherem Untergrund, sie probiert ungern aus, wie dünn das Eis ist. In der Union, aber auch in der SPD ist deshalb der Eindruck weit verbreitet, dass der Finanzminister gegenüber den Griechen härter und kompromissloser auftritt als die Kanzlerin. Das ist sein Vorteil, Härte liegt in seinem Naturell.

Merkel weiß allerdings auch: Ohne Schäuble hätte sie es schwer, die Mehrheit im Bundestag bei Griechenland-Abstimmungen zu bekommen. Das war schon beim letzten Mal im Februar so. Mehr als 100 Abgeordnete, zumeist aus der Union, gaben damals schriftliche Erklärungen zu Protokoll. Viele begründeten ihr Ja allein damit, dass sie großes Vertrauen in die Arbeit Schäubles hätten.

Der 72-Jährige ist somit nicht irgendein Minister im Kabinett - er gilt als Merkels wichtigster Mann. Ohne ihn würde ein Stabilitätsanker ihrer Macht fehlen. Sie darf ihn daher nicht düpieren. Vor allem nicht, wenn es um die Schicksalsfrage Griechenland geht.