Polens Arbeiterbewegung Solidarnosc geht auf Konfrontationskurs mit der Regierung von Premier Donald Tusk. Zehntausende widerstandswillige Gewerkschafter strömen seit Mittwoch in die Hauptstadt Warschau, um an vier "Tagen des Zorns" ihrem Unmut Luft zu verschaffen.

Bis zu einer Großdemonstration am Samstag, zu der rund 100 000 Teilnehmer erwartet werden, kampieren die Rebellen in Zelten vor dem Sejm, dem polnischen Parlament. "Die Party ist aus, jetzt präsentieren wir euch die Rechnung", lautet dort die Losung.

Tusk selbst weiß nur zu gut, dass die fetten Jahre vorerst vorbei sind. "2013 ist ein kritisches Jahr", gestand er zuletzt ein. Das Wachstum wird, wenn es gut läuft, die Ein-Prozent-Marke erreichen. Die Regierung musste vor wenigen Wochen die erste Stufe der Schuldenbremse aussetzen, weil die Steuern nicht mehr sprudeln.

Um das Defizit zu begrenzen, hat das Kabinett kurzerhand private Rentenfonds teilverstaatlicht. Die Konfrontation mit den Gewerkschaften kommt deshalb zum ungünstigsten Zeitpunkt. Wollte die Regierung deren Forderungen erfüllen, "dann kostet dies den Staat innerhalb von sieben Jahren 40 Milliarden Euro", rechnete die Zeitung "Rzeczpospolita" am Donnerstag vor.

Die protestierenden Arbeiter verlangen eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns und die Rücknahme der Rente mit 67 Jahren. "Wir haben zweieinhalb Millionen Unterschriften für ein Referendum in dieser Frage gesammelt, aber die Herren Politiker haben die Listen in den Papierkorb geworfen", empört sich Solidarnosc-Chef Piotr Duda .

Tatsächlich hatte der Sejm eine entsprechende Volksinitiative abgelehnt. Aber den Gewerkschaftern geht es nicht allein um die älteren Beschäftigten. "Auch die Jungen leiden", sagt der 27-jährige Maciej Nowak, der ebenfalls vor dem Parlament kampiert. Tusks Regierung hat das Arbeitsrecht radikal flexibilisiert. Ein großer Teil insbesondere der jüngeren Beschäftigten ist seither in Zeitverträgen ohne Kündigungsschutz angestellt. "Wir sprechen nur von Müllverträgen", erklärt Nowak.

Die drastischen Folgen waren bereits im vergangenen Winter zu besichtigen, als die Arbeitslosenquote auf über 13 Prozent und damit den höchsten Wert seit sieben Jahren hochschnellte.

Angesichts der schwächeren Konjunktur hatten vor allem am Bau viele Unternehmen ihren Zeitarbeitern kurzfristig gekündigt. Ein ähnliches Szenario, nur schlimmer, erwarten die Gewerkschaften im bevorstehenden Herbst und Winter. Dazu passen die Bilder der Aktivisten im kühlen Warschauer September-Regen.

Ungemütlich dürfte es in den kommenden Monaten aber vor allem für die Tusk-Regierung werden. Der Premier muss einen Kampf gleich an mehreren Fronten führen. Zu Wochenbeginn eskalierte der Streit zwischen Tusk und seinem innerparteilichen Rivalen Jaroslaw Gowin. Der ehemalige Justizminister erklärte seinen Austritt aus der liberal-konservativen Bürgerplattform (PO). Im August hatte Gowin, der den rechten Parteiflügel repräsentiert, gegen den liberaleren Tusk einen Mitgliederentscheid über den PO-Vorsitz deutlich verloren.

Einige PO-Abgeordnete verließen daraufhin die Fraktion. Die Mehrheit der Koalition schrumpfte auf nur noch zwei Stimmen. Zu kraftvollem Regieren reicht das nicht mehr.