Vor 150 Jahren schaukelten sie über die Weltmeere, immer der Strömung nach, bis sie aus dem Wasser gefischt und nach Hamburg geschickt wurden. Genau das war ihre Bestimmung. Die Flaschenpost-Unterlagen, die in der maritimen Bibliothek des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) gelagert werden, erzählen die Geschichte, welchen Weg das Wasser rund um die Erdkugel nimmt.

Strenge Forschung
"Die Besucher erwarten immer etwas ganz Romantisches", sagt die Chefin der Bibliothek, Martina Plettendorff, lächelnd. "Dabei ist das hier strenge wissenschaftliche Forschung". 1864 warf Georg von Neumayer ein Formular in einer versiegelten Flasche auf seiner Rückreise von Melbourne bei Kap Horn ins Meer. Der Finder wurde gebeten, den Brief mit genauen Angaben und Umständen des Fundes zurück nach Hamburg an die Deutsche Seewarte, deren Direktor Neumayer war, zu schicken.
"Hier haben wir zum Beispiel eine, die von einem gewissen Michael O'Donohue zurückgeschickt wurde", sagt die Bibliothekarin, wobei sie ein bisschen Zeit braucht, um den Namen zu entziffern. "Das war vielleicht ein Hafenarbeiter, der den Zettel hat schreiben lassen. Die Flasche wurde in Portland in Südostaustralien aus dem Wasser gefischt." Der Weg über 8500 Seemeilen, den diese versiegelte Flasche nahm, wurde in eine Weltströmungskarte gezeichnet.
Zehntausende seiner Flaschenexperimente muss der Forscher ins Meer geworfen haben. "Nur ein Bruchteil kam naturgemäß zurück", sagt Plettendorff. Drei dicke Bände füllen die Flaschenpost-Unterlagen. Sie wurden sorgfältig geglättet und jeweils zwei auf eine Seite geklebt. Dazu schrieb Neumayer oder wer sie später auch immer bearbeitete, ein paar Bemerkungen. "Eine Flasche selbst haben wir leider nicht mehr", sagt die Bibliothekarin.
"Aber wir sind ja kein Museum, wir sind eine wissenschaftliche Bibliothek", betont die Fachfrau. Ihre Lieblingsbücher in dem knapp 170 000 Werke umfassenden Archiv, das auf die beiden BSH-Standorte Rostock und Hamburg aufgeteilt ist, sind uralte Atlanten mit farbenprächtigen Kupferstichen oder unscheinbare, aber überaus wertvolle Seekarten.
Handwerkliche Gebrauchskunst aus mehr als fünf Jahrhunderten liegt in den Regalen. Für eine erste Ausstellung ihrer "Schätze" hatten die BSH-Bibliothekare beispielsweise den ersten Preußischen Seeatlas von 1749 der Öffentlichkeit präsentiert. Zum Ortelius-Atlas, der 1584 gedruckt wurde, gehörten die weltweit ersten in Kupfer gestochenen Städteansichten. Es gibt Aufzeichnungen vom Navigationsunterricht vergangener Jahrhunderte mit beweglichen Kreiseln und Windrosen, Schiffsjournale mit handschriftlichen Aufzeichnungen von Weltreisen bis hin zu Bildern von Wasserhosen und Seeungeheuern.

Zehntausende Seekarten
Hinzu kommen die Seekarten, die zu Zehntausenden in den Regalen liegen. Die ersten waren noch vertont, das heißt, mit den Ansichten der Küstenlinien und markanten Orientierungspunkten wie Kirchen oder besonders eindrucksvollen Gebäuden ergänzt. Trotz moderner Technik an Bord sind sie heute noch wichtige Navigationsmittel. Ständig werden die Karten aktualisiert, weil sich Wasserwege ändern, Grenzen neu gezogen werden oder sich der Verlauf von Küstenlinien ändert. Diese Abteilung werde deshalb ständig größer, sagt die Bibliothekarin, andere dagegen seien abgeschlossen.
Wie die mit den Flaschenpost-Zetteln. Seit den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben Messinstrumente und Strömungsdrifter die Aufgabe übernommen, Daten der Meere zu sammeln. Das ist effektiver, aber auch unromantischer als per Flaschenpost.