Als Barack Obama 2009 in Kairo eine Rede an die muslimische Welt hielt, hätte er wohl kaum gedacht, dass der Nahe Osten sechs Jahre später einem Scherbenhaufen gleichen würde. Wegen des Chaos in der Region - vom Jemen über den Irak und Syrien, vom Umgang mit dem Iran zu den Beziehungen mit Israel - gehen Kritiker mit dem US-Präsidenten nun hart ins Gericht. Dessen Ex-Botschafter im Irak, James Jeffrey, fasst mit Blick auf die Nahost-Politik der USA zusammen: "Wir befinden uns verdammt nochmal im freien Fall."

Kurze Bestandsaufnahme: Im Jemen haben schiitischen Huthi-Rebellen die von den USA unterstützte Regierung gestürzt, die Macht an sich gerissen und einen bedeutenden Anti-Terror-Einsatz der Amerikaner auf unbestimmte Zeit gelähmt. Erst mussten die USA ihren Drohnenkrieg gegen Al-Kaida-Kämpfer auf Eis legen, nun mussten amerikanische Spezialkommandos ihre Ausrüstung sprengen und über das Rote Meer auf einen Stützpunkt in Dschibuti in Sicherheit gebracht werden. Bis zuletzt hatte Washington den Jemen als Paradebeispiel im Kampf gegen Terroristen gelobt - nun droht das Land, komplett in Flammen aufzugehen.

Dass sich die US-Regierung dort nun auf die Seite Saudi-Arabiens geschlagen hat, das den Vormarsch der Huthis mit Bombardements aus der Luft stoppen will, versetzt Obama unvermittelt in eine Zwickmühle. Denn die Rebellen werden vom Iran unterstützt - dem Land also, das im amerikanischen Kampf gegen die Terrormiliz IS im Irak und in Syrien eine immer wichtigere Rolle spielt. Laut einem Pentagon-Insider dürften Informationen der US-Geheimdienste den Saudis etwa helfen, Häfen zu bombardieren, über die Teheran die Huthis mit Waffen versorgt.

Ganz anders sieht Washington die Militärhilfe der Iraner im Irak. Monatelang hatte es aus dem Weißen Haus geheißen, man stimme sich im dortigen Kampf gegen den IS militärisch nicht mit dem Iran ab. Nun fliegen die USA Luftangriffe, um die strategisch wichtige Stadt Tikrit mit der irakischen Armee aus den Händen der IS-Dschihadisten zu befreien. Die an der Rückeroberung beteiligten schiitischen Milizionäre stehen aber unter direkter Kontrolle iranischer Kommandeure in der Region - und wollen sich aus Protest gegen die unerbetene US-Unterstützung nun aus dem Kampf zurückziehen.

Ist Teheran also Freund oder Feind? Eine klare Haltung Obamas geschweige denn eine Langzeit-Strategie sind nicht erkennbar. Er spiele "auf beiden Seiten des Zauns mit", schreibt das Magazin "Foreign Policy". Zugleich bemüht sich Obamas Chefdiplomat John Kerry, die zähen Verhandlungen um ein mögliches Atomabkommen mit dem Iran zu einem Happy End zu bringen. Das könnte die Verbreitung gefährlicher Nukleartechnologie in einer instabilen Region begrenzen und den Weg für eine Zusammenarbeit im Kampf gegen Terrorgruppen wie IS und Al-Kaida ebnen - so zumindest die Hoffnung der US-Strategen.

Doch der mögliche Atom-Deal bringt wiederum Saudi-Arabien und vor allem Israel auf die Barrikaden. Das äußerst schwierige Verhältnis des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu zu Obama lässt vermuten, dass auch diese bilaterale Achse in absehbarer Zeit kaum für einen stabileren Nahen Osten sorgen wird. Nach Einschätzung des "Wall Street Journal" teilen Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate Israels Sorge vor einer leisen iranisch-amerikanischen Annäherung. Einen Alleingang dieser beiden Verbündeten - wie etwa in Libyen im August - kann sich Washington aber nicht leisten.

Der Nahe Osten erinnere heute an das Europa des 17. Jahrhunderts, schreibt Richard Haass vom Thinktank Council on Foreign Relations. Die Region ist "verzahnt in gewalttätige und teure, politische sowie religiöse Kämpfe innerhalb von und über Grenzen hinaus, die drei Jahrzehnte oder länger andauern könnten". Obama bleibe dabei kaum etwas anderes übrig, als spontan auf Krisen zu reagieren und sich kurzfristig mit einzelnen Spielern in der Region zu verbünden. "Es ist schmutzig. Es ist widersprüchlich. Das ist Außenpolitik", erläutert Barbara Bodine, Ex-Botschafterin im Jemen, der "New York Times".

Jahrelang hat sich die US-Regierung mit den Folgen des Arabischen Frühlings herumgeschlagen - und ist dabei immer wieder auf dem falschen Fuß erwischt worden. Der Traum, halbwegs reibungslos aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan auszusteigen, ist Vergangenheit. Und Obama scheint keinen langfristigen Plan fassen zu können, auf all die verschärften Konflikte mit einer strammen Haltung zu reagieren.

Ein Pentagon-Vertreter fühlt sich im Gepsräch mit dem "Wall Street Journal" gar an die Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg erinnert: "Ich schaue auf die Karte. Ich schaue auf die Verbündeten (des Islamischen Staates). Ich schaue mir die ganzen Kämpfe an. Und ich frage mich, auf welchen Erzherzog es ein Attentat geben wird, das einen großen Krieg lostreten wird."