Michael Konken lehrt an der Fachhochschule im niedersächsischen Wilhelmshaven Journalismus und Kommunikation. Weil er zugleich Vorsitzender des DJV ist, nahm er an einem Novembermorgen vergangenen Jahres den langen Weg nach Bautzen in die Oberlausitz auf sich. Dort, so hatte er gehört, kämpfe eine Minderheitenzeitung um ihre Pressefreiheit, die einzige obersorbischsprachige bundesweit. Für die lange Anfahrt war es ein kurzes Gespräch, ein wenig erfreuliches obendrein. Dem Direktor der sorbischen Stiftung - sie ist Gesellschafter der Serbske Nowiny - sei „einfach nicht klarzumachen gewesen, was unter unabhängiger Berichterstattung zu verstehen ist“ , so Michael Konken.
Der so kritisierte Stiftungsdirektor Marko Suchy hat den Besuch ebenfalls nicht in guter Erinnerung: „Ich musste das Gespräch schnell beenden, weil Herr Konken mir ständig ins Wort fiel.“ Vergeblich, so Marko Suchy, habe er zu erklären versucht, dass nicht er, sondern Serbske-Nowiny-Chefredakteur Benedikt Dyrlich eine fragwürdige Vorstellung von Pressefreiheit habe. „Er berichtet tendenziös in der Schuldzuweisung und lässt andere Meinungen nicht zu“ , sagt Suchy über Dyrlich.

Hartnäckige Fragen
Die Frage nach Schuld und Verantwortung hat der 56-jährige Chefredakteur der Serbske Nowiny allerdings hartnäckig gestellt. Im Zusammenhang mit Recherche-Ergebnissen, die sein Blatt im Sommer 2005 veröffentlichte und die der sächsische Rechnungshof wenig später in seinem Jahresbericht auch bestätigte: „Der Sorbischen Nationalensemble GmbH ist wegen tarifwidriger Zahlung von Abfindungen ein Schaden von über 100 000 Euro entstanden“ , heißt es darin. Ein Schaden für den Steuerzahler, den die Stiftung mit verbockt habe, wie die Serbske Nowiny ihren Lesern erklärte. Immerhin verteile die Stiftung jährlich rund 15 Millionen Euro an sorbische Sprach- und Kultureinrichtungen wie eben das Nationalensemble. Dabei habe sie dafür zu sorgen, dass das Geld - von Sachsen und Brandenburg sowie dem Bund der sorbischen Minderheit zur Verfügung gestellt - nicht verschwendet wird.
„Wir müssen unabhängig berichten, wenn nötig auch investigativ“ , beschreibt der Chefredakteur seinen journalistischen Anspruch. So recherchierte Dyrlich, obwohl es gegen den eigenen Gesellschafter ging. Die Sorbische Stiftung hatte Christian Baumgärtel als Assistent der Geschäftsführung beim Sorbischen Nationalensemble eingesetzt, als die Abfindungen 2001 und 2002 ausgehandelt wurden. Auf Dyrlichs Frage nach einer Mitschuld Baumgärtels stellte sich Stiftungsdirektor Suchy schützend vor den Prokuristen: „Dokumente, die mir vorliegen, beweisen, dass die Höhe der Abfindungen der damalige Geschäftsführer des Nationalensembles ausgehandelt hat“ , zitierte die Serbske Nowiny Suchy. Der Geschäftsführer habe auch die Abfindungsverträge für die Ensemble-Mitglieder unterschrieben.
Der Journalist gab sich nicht zufrieden. Die Stiftung hätte zumindest ihrer Kontrollpflicht nachkommen müssen, so Dyrlich. Von einer leitenden Mitarbeiterin der Stiftungsverwaltung erfuhr er, dass der Stiftungsrat, das 15-köpfige Entscheidungs- und Kontrollgremium, „über die Problematik der hohen Abfindungen nicht so richtig informiert“ gewesen sei.
Der Eindruck, dass Rat und Verwaltung der Stiftung mit ihrer Geldverteiler-Aufgabe überfordert sind, drängte sich nicht nur Benedikt Dyrlich auf, sondern auch dem Landesrechnungshof. Der Stiftungsdirektor, hieß es in dem Jahresbericht 2005 weiter, vergebe die Fördermittel und soll gleichzeitig ihre „zweckentsprechende Verwendung“ kontrollieren. Beide Funktionen seien unvereinbar und sollten nicht von derselben Person ausgeführt werden.
Um die unglückliche Konstellation aufzulösen, sollte nun die Domowina die Gesellschafteranteile der Stiftung übernehmen - die an der Sorbischen Nationalensemble GmbH genauso wie die an der Domowina-Verlags GmbH, zu der die Serbske Nowiny gehört. Der Vorschlag der Stiftungsverwaltung ließ bei Dyrlich und seinen Redakteuren ebenso wie beim DJV erneut die Alarmglocken schrillen. „Die Domowina als Gesellschafter - dann würde aus uns ein Vereinsblatt werden, ein Verlautbarungsorgan“ , so der Chefredakteur. Dyrlich fühlte sich an DDR-Zeiten erinnert, als Pressefreiheit auch in der Lausitz ein Fremdwort war.
Weil er das in der Serbske Nowiny auch formulierte, forderte die Domowina von ihm eine Entschuldigung. Aus Sicht von Domowina-Chef Jan Nuck war Dyrlich „da mal wieder skandalträchtig nach vorne geprescht“ . Die Furcht vor einem Angriff auf die Pressefreiheit sei „völlig überzogen“ gewesen. Die Sorben, so Nuck, mussten in der Berichterstattung der Serbske Nowiny auf die deutschen Nachbarn einen zerstrittenen Eindruck machen.
Statt sich zu entschuldigen, schilderte Dyrlich dem Ministerium für Kunst und Wissenschaft, das im Stiftungsrat Mitglied ist, seine Bedenken - mit Erfolg. Doch noch bevor der Stiftungsrat im Dezember umschwenkte und den Gesellschafterwechsel von der Tagesordnung kippte, wurde Dyrlich erneut attackiert. Der ehemalige Nationalensemble-Prokurist Frank Baumgärtel, inzwischen Vorsitzender des Stiftungsrates, gab der deutschen Wochenzeitung Oberlausitzer Kurier ein Interview. Wie Stiftungsdirektor Suchy warf auch Baumgärtel Dyrlich vor, die Monopolstellung seiner Zeitung auszunutzen und anders lautende Meinungen zu unterdrücken.

"Nicht rügen, sondern loben"
Für DJV-Chef Michael Konken ein skandalöser Vorgang: „Stiftung und Domowina hätten Dyrlich nicht rügen, sondern loben sollen.“ Anstelle von Dyrlich, so Konken, würde er außerdem die 48 000 Euro, die der Chefredakteur 2007 in seiner Redaktion einsparen soll, als „Bestrafung für guten Journalismus“ empfinden.
Hoffnung auf ein Aufweichen der verhärteten Fronten macht indes der 22. März. An diesem Tag, so eine Sprecherin des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, wird die Stiftung der Empfehlung des Rechnungshofes folgen und darüber beraten, Beiräte einzurichten - je einen für die Domowina Buchverlags GmbH und die Sorbische Nationalensemble GmbH. Wie Aufsichtsräte sollen die mit je drei Mitgliedern besetzten Gremien den korrekten Umgang mit dem Fördergeld sichern. Chefredakteur Dyrlich begrüßt das. Für ihn könnte das ein Ende der Auseinandersetzung bedeuten. Stiftungsdirektor Marko Suchy hingegen glaubt nicht daran: „Dafür zeigen beide Seiten zu wenig Verständnis für ein ander.“ Dass er selbst einer dieser beiden Seiten angehört, scheint Suchy dabei zu vergessen.

Hintergrund Einsparungen
im Domowina-Verlag

 Die sorbische Stiftung stellt dem Domowina-Verlag für dieses Jahr 90 000 Euro weniger als im vergangenen Jahr zur Verfügung. Umfang und Beilage der obersorbischen Tageszeitung Serbske Nowiny , der niedersorbischen Zeitung Nowy Casnik sowie der monatlichen Kulturzeitschrift Rozhlad müssen daher reduziert werden, so Verlagsgeschäftsführerin Maria Matschie. Allein die neunköpfige Redaktion der Serbske Nowiny soll 48 000 Euro der Einsparsumme auffangen. Damit ist die Herausgabe der monatlichen deutschsprachigen Ausgabe der Zeitung akut gefährdet.