Als Orban im Jahr 2002 nach vier Jahren im Amt ziemlich überraschend die Wahl verlor, beklagte er - ohne wirkliche Grundlage - "Wahlbetrug" und ließ seine Anhänger demonstrieren. Acht Jahre später kehrt er nun mit einer Machtfülle ins höchste Regierungsamt zurück, wie sie keinem Regierungschef in Budapest seit der Wende zugefallen war. Orban und sein Fidesz werden nicht nur mit der absoluten Mehrheit und damit ohne Koalitionspartner regieren können, sondern aller Voraussicht nach sogar mit einer Zweidrittelmehrheit, die Verfassungsänderungen erlaubt. Der Wahltriumph der Rechten zeichnet die politische Landkarte in Ungarn völlig neu. Einem über-dominanten Fidesz stehen drei Oppositionsparteien gegenüber, darunter zwei Neulinge. Die bisher regierende Ungarische Sozialistische Partei (MSZP), die seit 1994 einen in den Kräfteverhältnissen ebenbürtigen Gegenpol zum jeweiligen rechten Lager darstellte, sieht ihre Parlamentsfraktion auf ein Drittel reduziert. Fast ebenso stark wie die Sozialisten wurde die rechtsextreme Jobbik (Die Besseren), die mit Hetze gegen die Roma und Ressentiments gegen die gesamte politische Elite die Stimmen vieler enttäuschter Wähler einfing. Sie ist zum ersten Mal im Parlament vertreten. Auch der links-grünen Partei "Politik kann anders sein" (LMP) gelang erstmals der Sprung in die Volksvertretung. Ihr Erfolg kam etwas überraschend. Sie erwies sich als Sammelbecken für junge und kritische Wähler, die mit dem gesamten restlichen Parteienangebot nichts mehr anzufangen wussten. Von der politischen Bühne abgetreten sind hingegen zwei Parteien, die bei der Wende vor 20 Jahren eine Schlüsselrolle gespielt hatten: das konservativ-liberale Ungarische Demokratische Forum (MDF) und der links-liberale Bund Freier Demokraten (SZDSZ). Beide hatten in jedem Parlament seit der Wende eine eigene Fraktion - im neuen haben sie nicht mehr einen einzigen Abgeordneten.