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| 02:45 Uhr

Ungarns Juden unter Orbans Druck

Rabbi Walter Homolka
Rabbi Walter Homolka FOTO: dpa
Budapest. Ungarns Juden erinnerten am Mittwoch an den Beginn der Besatzung ihres Landes durch Nazi-Deutschland vor 70 Jahren – überschattet von politischem Streit um die Geschichtsdeutung. Die Spannungen bekam auch eine deutsche Rabbiner-Delegation zu spüren. Kathrin Lauer

"Das habe ich zuletzt in der DDR erlebt." So beschreibt der deutsche Rabbiner Walter Homolka seinen jüngsten Dialog mit Ungarns Verband Jüdischer Gemeinden MAZSIHISZ. Aus Angst, dass ein Besuch der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ARK) in seinem Land politisch interpretiert würde, riet MAZSIHISZ von der geplanten Visite ab. Dies übermittelte Alfred Yoel Schöner, Rektor des Budapester Rabbinerseminars, in einem Brief an Homolka, in dem er vor möglichen "schlimmen Konsequenzen" warnte. Hingegen seien die deutschen Kollegen nach der ungarischen Parlamentswahl vom 6. April willkommen - "in einer politisch entspannten Atmosphäre". Ungarns jüdische Gemeinden wirken in ihren Beziehungen zur rechtsnationalen Regierung von Viktor Orban völlig verunsichert. Anlass für die jüngsten Spannungen sind tiefe Differenzen um die Bedeutung des 19. März 1944.

Damals hatte Nazi-Deutschland Ungarn besetzt, weil Hitler befürchtete, dass das seit Langem verbündete Land angesichts der sich abzeichnenden Kriegsniederlage abtrünnig werden könnte. Daher will Orbans Regierung heute Ungarn als unschuldiges Opfer Nazi-Deutschlands dargestellt wissen - und dies suggeriert auch ein von der Regierung geplantes Mahnmal: Es soll einen deutschen Reichsadler darstellen, der einen Erzengel Gabriel angreift, welcher Ungarn verkörpert. Damit sind Ungarns Juden, aber auch zahlreiche namhafte Historiker nicht einverstanden. Denn es ist erwiesen, dass die nach dem deutschen Einmarsch binnen 56 Tagen erfolgte Deportation von 437 000 Juden in Konzentrationslager mit aktiver Unterstützung der damaligen ungarischen Behörden geschehen ist.

Der Denkmal-Plan war "der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagt der MASZIHISZ-Vorsitzende Andras Heisler. Sein Verband beschloss deswegen den Boykott aller anderen Projekte der Regierung zum Holocaust-Gedenkjahr 2014. Man habe damit "zum ersten Mal seit 70 Jahren" mit einer bewusst stets regierungsfreundlichen Haltung gebrochen. Zugleich schwingt Angst vor der eigenen Courage mit. Er sei geradezu froh, "dass keine der links-liberalen Oppositionsparteien Ungarns uns öffentlich unterstützt, weil man uns sonst politische Einseitigkeit vorwerfen würde", sagte Heisler. Sein Verband vereinigt die in Ungarn mehrheitlich konservativen, nicht-orthodoxen Gemeinden, die sich "neolog" nennen.

Trotz der nervösen Signale aus Ungarns Hauptstadt reiste Homolka, Rektor des Berliner Rabbinerseminars Abraham Geiger Kolleg, mit einer Delegation der Rabbinerkonferenz ARK nach Budapest. Ihr Anliegen war es auch, für eine Anerkennung liberaler jüdischer Gemeinden einzutreten, die aufgrund eines neuen Kirchengesetzes in Ungarn keine staatliche Unterstützung bekommen.

Auf den letzten Drücker kam es auch zu einem Treffen mit Heisler. Für die bisherige Vorsichtspolitik der MAZSIHISZ hat der ARK-Vorsitzende, Rabbiner Henry G. Brandt, kein Verständnis. "Immer kuschen, immer buckeln, das geht nicht. Wir können und müssen unsere Positionen vertreten, auch wenn sie manchmal gegen die Regierung und gegen die Politik laufen", sagt er. Gegen den Antisemitismus "muss die Stimme erhoben werden. Die Zeit des Schweigens ist vorbei, ein für allemal." Es ist als Ermutigung gemeint, die Ungarns Juden 70 Jahre nach dem Holocaust wohl dringend brauchen.