Mania Hudy strahlt eine unglaubliche Lebensenergie aus. Die kleine 83-jährige Holocaust-Überlebende tanzt mit Jugendlichen aus Panama ausgelassen vor einer alten Synagoge in Krakau. "Am Israel Chai", singen die jungen Juden aus vollem Hals - Das Volk Israel lebt. Eine ältere Frau, die zuschaut, bricht in Tränen der Rührung aus. Die Delegation aus Panama gehört zu rund 10 000 jungen Menschen aus aller Welt, die zum "Marsch der Lebenden" nach Polen gereist sind - sie sind am vergangenen Montag von Auschwitz nach Birkenau gelaufen, um an den Mord an sechs Millionen Juden zu erinnern.

Hudy ist in Warschau geboren. "Als Sechsjährige kam ich ins Warschauer Getto", erzählt die Jüdin, die heute in Kanada lebt. "Befreit wurde ich aus dem KZ Bergen-Belsen." Ihr Triumph ist, dass sie heute sechs Enkel und sechs Urenkel hat. "Hitler hat es nicht geschafft, mich zu töten. Ich will den jungen Menschen meine Geschichte erzählen, solange ich es noch kann. Ich bin eine der Letzten meiner Generation." Zum diesjährigen Holocaust-Gedenktag berieten nach Angaben der Veranstalter in Krakau erstmals Erziehungsminister aus zwölf Ländern darüber, wie das Gedenken an den Holocaust fortgesetzt werden sollte, wenn es keine überlebenden Zeitzeugen mehr gibt.

In Israel leben heute nach Informationen des Finanzministeriums noch rund 160 000 Holocaust-Überlebende. "Der Tag rückt immer näher, an dem wir uns von dem letzten Holocaust-Überlebenden verabschieden werden", sagt der israelische Erziehungsminister Naftali Bennett bei einem Besuch in der Remu-Synagoge in Krakau. "Deswegen ist es jetzt besonders wichtig, dass wir Erziehungsminister gemeinsam über die Zukunft der Holocaust-Erziehung sprechen."

Auch Shmuel Rosenman, Vorsitzender der Organisation Marsch der Lebenden, sieht Handlungsbedarf. "Ich denke, in fünf bis zehn Jahren wird es keine Holocaust-Überlebenden mehr geben", sagt er. Gleichzeitig verschärfe sich auch in Europa das Problem des Antisemitismus und der Verleugnung des Holocaust. Eine der bekanntesten Stimmen ist im vergangenen Jahr verstummt, die des Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel. Sein einziger Sohn, Elisha Wiesel, war zum ersten Mal bei dem Marsch der Lebenden dabei.

"Wir beobachten seit langer Zeit einen Abwärtstrend", sagt Robert Rozett von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. "Es gibt immer weniger Überlebende, die von ihren Erlebnissen erzählen können." Die letzten Zeitzeugen seien außerdem Menschen, die während des Holocaust 20 Jahre alt oder jünger gewesen seien. "Heute sind die Überlebenden über 80- und 90-Jährige", sagt er.

Man mache sich schon Sorgen und viele Gedanken darüber, wie die Holocaust-Erziehung weitergehen soll, wenn es keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt. "Natürlich verliert man etwas Unersetzliches", sagt er. "Nichts kann den Dialog eines Menschen mit einem anderen ersetzen." In Zukunft werde man sich auf andere Wege der Bildung und des Gedenkens verlassen müssen. "Die Lehrer werden die Rolle von Vermittlern übernehmen", sagt Rozett.

Auch die Kinder und Enkel der Überlebenden könnten eine wichtige Rolle spielen. Auch Besuche an den Orten des Holocaust könnten dabei helfen, die Erinnerung an die schrecklichen Vorfälle wachzuhalten.

Außerdem könne man sich auf rund 130 000 Aufnahmen von Zeitzeugen verlassen. Viele davon seien über das Internet zugänglich. "Nichts kann ein Treffen mit einem Überlebenden ersetzen", gibt er zu. "Aber es ist uns gelungen, ihre Worte und ihr Bildnis zu bewahren."

Die 16-jährige Mauran Amar und der gleichaltrige Ben Dahan waren aus Marokko angereist, um am Marsch der Lebenden teilzunehmen. Sie haben zwar Angst vor der Konfrontation mit der schrecklichen Vergangenheit, erhoffen sich aber von dem Besuch ein besseres Verständnis. "Nur aus den Geschichtsbüchern können wir nicht lernen", sagt Dahan. "Wir können nicht verstehen, was passiert ist, wenn wir es hier nicht mit eigenen Augen sehen."