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| 11:39 Uhr

Und Schröder zieht es doch an die Adria

Nachdem die Wellen der Erregung in Deutschland zu Wochenbeginn höher geschlagen waren als die Wellen der Adria, hat sich die Lage etwas beruhigt. Der leicht grippekranke Bundeskanzler Gerhard Schröder plant weiterhin, seinen Sommerurlaub in Italien zu verbringen, trotz der „unglaublichen Äußerungen“ des römischen Tourismus-Staatssekretärs Stefano Stefani. Von Bernard Bernarding

Es sei ja eine "Klarstellung von übergeordneter Stelle" erfolgt, verteidigte Regierungssprecher Bela Anda gestern Schröders Sanftmut. Das grundsätzliche Problem, das sich zwischen Deutschen und Italienern entwickelt hat, ist damit aber nicht vom Tisch.
Stefano Stefani, nach eigenen Angaben eheerfahren mit einer Deutschen, hatte die Landsleute seiner Ex-Gattin dermaßen in die Pfanne gehauen, dass dem Kanzler die Lust auf Pasta und Pizza erst einmal vergangen war. Der Staatssekretär hatte in deutschen Urlaubern nicht etwa brave Touristen erkannt, die jährlich Milliarden Euros über die Alpen schaffen, sondern "einförmige, supernationalistische Blonde, die lärmend über unsere Strände herfallen". Außerdem seien die sonnenhungrigen Teutonen "besoffen vor arroganter Selbstsicherheit", so der Staatssekretär in der Zeitung "Padania".

Zäh wie Mozzarella auf der Pizza
Nun hätte man sich vorstellen können, dass der Regierungschef der beleidigten Nation seinen Kollegen in Rom anruft, um Wiedergutmachung zu verlangen, doch mochte Schröder offenbar nicht schon wieder mit Silvio Berlusconi reden, der ihn erst wenige Tage zuvor blamiert hatte.
Auch deshalb geriet Schröders Reaktion zäh wie Mozzarella auf der Pizza. Erst ließ er Sprecher Anda in entrüstetem Unterton drohen, er werde seinen Urlaub absagen, wenn die Ausfälle des Staatssekretärs ohne Konsequenzen blieben. Dann nahm er "mit Befriedigung zur Kenntnis", dass sich die italienischen Minister Franco Frattini (Außenamt) und Antonio Marzano (Wirtschaft) von den "inakzeptablen Pauschalbeleidigungen deutscher Touristen" distanziert haben. Dem Kanzler genügte die Äußerung der Minister, Stefano Stefanis Frontalangriff auf die Deutschen sei "unnötig und unpassend" gewesen und dürfe die "traditionelle Freundschaft" zwischen beiden Ländern nicht gefährden. Schröders Interesse am Urlaub in der Luxusvilla seines Künstler-Freundes Bruno Bruni in Pesaro war offenbar grö*am p*szlig;er als an der Fortführung des politischen Streits auf höchstem Niveau.
Mit der Freundschaft der beiden alteuropäischen Kulturländer ist es nicht mehr so weit her. Seit in Rom der Mafia-verdächtige Medien-Tycoon und Baulöwe Berlusconi die Macht übernommen hat, kriselt es in der Beziehung. Schröder traut dem "Paten" (Der Spiegel) nicht so recht über den Weg. Diese Skepsis hat sich am vergangenen Donnerstag ja auch bestätigt, als Berlusconi per Telefon sein "Bedauern" über die Beschimpfung des deutschen Europa-Abgeordneten Martin Schulz beteuert hatte, aber schon wenige Stunden später nichts mehr davon wissen wollte. Er habe sich keineswegs dafür entschuldigt, Schulz mit einem KZ-Aufseher verglichen zu haben, ließ der Ministerpräsident Freitag kaltschnäuzig verlauten.
Schröder war peinlich berührt, verzichtete aber auf eine Replik, weil er kein weiteres Öl ins Feuer gießen wollte. Es galt schließlich, und darin sind sich der Kanzler und sein Außenminister Joschka Fischer einig, die übergeordneten politischen Ziele im Auge zu behalten. Und wichtig sei eben vor allem "eine erfolgreiche Präsidentschaft Italiens". Hintergrund: Die römische Regierung hat am 1. Juli turnusgemäß die EU-Präsidentschaft übernommen, die schon deshalb relevant ist, weil in dieser Zeit der historische EU-Konvent zum Abschluss gebracht werden soll.
Ob Schröder und Fischer ihre Beschwichtigungspolitik durchhalten können, ist offen. Staatssekretär Stefano Stefani machte gestern jedenfalls keine Anstalten, sich für seine abfälligen Bemerkungen zu entschuldigen. Nach der Rüge der beiden Minister ließ er sich lediglich zu der Erklärung bewegen, er habe "nicht alle, sondern nur gewisse Deutsche" gemeint.

Einladung wird ignoriert
Die nachgeschobene Einladung an den Kanzler, sein persönlicher "Gast an der Adria" zu sein, um zu sehen, "wie gut ich mit Deutschen klarkomme", wird in Berlin aber nicht ernst genommen. Allerdings dürfte auch die Forderung von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement chancenlos bleiben, Stefano Stefani "aus dem Verkehr zu ziehen". Ein Regierungsmitglied, hieß es gestern in Rom, könne nicht "so ohne weiteres" entlassen werden.