Herr Töpfer, am 31. März endete Ihre Amtszeit als Exekutiv-Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Sind Sie froh, dass sie diesen Job los sind„
Auf keinen Fall, ich habe die Arbeit mit großer Begeisterung geleistet. Und ich denke, wir sind in diesen mehr als acht Jahren ein gutes Stück vorangekommen. Ich bin froh, dass mein Nachfolger ein sehr dynamischer junger Deutscher ist, der das Begonnene sicher gut weiterführen und dazu beitragen wird, dass die Organisation und ihre Arbeit in Zukunft noch ernster genommen wird. Denn das ist dringend notwendig.

Die Aufgaben auf dem Gebiet der Umweltpolitik sind gewaltig. Globale Erwärmung, Überschwemmungen, extreme Hitze- und Kälteperioden, Ozonloch - wie schlimm ist die Lage tatsächlich“
Es ist unbestritten, dass die Menschen durch ihr Tun und Handeln noch nie so sehr in die Zyklen der Natur eingegriffen haben wie jetzt. Wir mischen uns massiv in den Wasserzyklus, in den Kreislauf der Atmosphäre, ein. Auch die dramatische Bevölkerungsentwicklung spielt eine wesentliche Rolle, wie auch der Lebensstil in den hoch entwickelten Ländern.

Heißt das, die Umwelt wäre gesund, wenn es den Menschen nicht gäbe„
Nein, der Mensch muss sich nur umweltgerechter verhalten, ohne dass wir die Zahl der Menschen oder ihr Ziel, unter guten Bedingungen zu leben, infrage stellen. Denn nicht die Anzahl ist das Problem, sondern der Anspruch der Menschen an diese Erde. Unser gegenwärtiger Lebensstil ist nicht als Vorbild für alle 6,5 Milliarden Erdenbürger geeignet. Da müssen wir anfangen, uns zu ändern. Uns zum Beispiel fragen, wie können wir mit weniger Energie, weniger Wasser auskommen. Wir müssen neue Technologien entwickeln, denn wir sind dazu in der Lage.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten, welche drei Dinge müssten sofort passieren, um der Umwelt etwas Gutes zu tun“
Zuerst würde ich mir wünschen, dass wir alle Menschen erreichen, sie überzeugen und mitnehmen auf dem Weg der notwendigen Veränderungen. Daraus ergibt sich mein zweiter Wunsch: Wir müssen die Armut gezielt bekämpfen, denn sie ist eine der giftigsten Substanzen in dieser Welt. Die Armutsgrenze in den Vereinten Nationen liegt bei einem Dollar am Tag. Das entspricht einem Bruttosozialprodukt pro Kopf von 500 bis 600 Dollar im Jahr. Das durchschnittliche Bruttosozialprodukt pro Kopf liegt in Bayern bei über 32 000 Euro. Wir können diese Unterschiede nicht gänzlich beseitigen, müssen aber die Armut überwinden, wenn wir eine friedliche Welt bauen wollen. Und drittens, wir müssen unsere Technologien und unser Verhalten so gestalten, dass die Natur nicht übernutzt, nicht überfordert wird. Dass es so ist, zeigt uns der Klimawandel nachdrücklich.

Gegenwärtig läuft der Film "Eine unbequeme Wahrheit" des ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten Al Gore in den Kinos. Wie realistisch ist dieser Streifen„
Der Film von Al Gore zeigt die Situation sehr drastisch und ist deshalb sehr beeindruckend. Es ist wichtig, dass es diesen Streifen gibt. Dass dieser Film Widerspruch auslöst, dass er wissenschaftlich ergänzt werden kann, dass er einigen nicht als ausgewogen erscheint, sehe ich nicht als Mangel. Aber er rüttelt auf und zeigt viele Wahrheiten: Der Schnee auf dem Kilimantscharo ist weg und das Eis an den Polen wirklich sehr dünn und brüchig.

Trotzdem tun sich Regierungen großer Staaten sehr schwer mit der Umweltpolitik. Die USA lehnen verbindliche Klimaschutzvorgaben ab, China kümmert sich wenig um ökologische Fragen und selbst in Deutschland kommt das Thema nur periodisch auf die Tagesordnung.
Gegenwärtig erfährt die Umweltpolitik eine gewisse Renaissance, das ist nicht zu übersehen. Selbst in immer mehr Bundesstaaten der USA hat der Umweltschutz inzwischen einen hohen Stellenwert und findet immer mehr Beachtung bei Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung. Ich nenne nur Kalifornien, wo Richtlinien festgelegt wurden, die weiter gehen als das Kyoto-Protokoll, egal was die Bush- Regierung sagt. Ich erlebe auch in China eine Umkehr. Die Erkenntnis, dass man die Umwelt nicht grenzenlos nutzen kann, setzt sich mehr und mehr durch, vor allem, weil wirtschaftliche Entwicklung begrenzt wird. Trotzdem bedaure ich es, dass in Deutschland diese Thematik immer noch als lästig empfunden und darauf verwiesen wird, dass die Autos doch inzwischen einen Kat und unsere Kraftwerke Entschweflungsanlagen haben. Da müssten andere erst noch hinkommen. Das ist die falsche Sicht. Das ist unsere Chance.

Trotzdem wird oft argumentiert, Umweltschutz müsse man sich leisten können.
Auch unsere wirtschaftliche Entwicklung hat nicht mit hohen Umweltstandards begonnen. Hier haben wir in den vergangenen Jahren viel nacharbeiten müssen, weil der Fortschritt zulasten der Umwelt erreicht wurde. Die chinesische Regierung beispielsweise ist mittlerweile überzeugt, dass Entwicklung und Wachstum für 1,3 Milliarden Menschen nur unter Einbindung der Umwelt möglich sind.

Wo sehen Sie Chancen, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen“
Sehen wir uns nur die Bereiche Energie und Rohstoffe an. Es wird künftig der gewinnen, der die höchste Effizienz erreicht. Industriekreisläufe müssen noch stärker in den Mittelpunkt. In der DDR sprach man nicht von Abfällen, sondern von Abprodukten. Abfälle können wir uns nicht mehr leisten, wir müssen alles wieder nutzbar machen und unsere Ressourcen noch produktiver einsetzen. Wir müssen raus aus der Wegwerfgesellschaft und rein in die Kreislaufwirtschaft.

Sie sprachen mehrfach von der Bekämpfung der Armut, inwieweit hängen Umwelt- und Entwicklungspolitik zusammen„
Das ist eine Einheit. Aber leider ist der Gedanke, unsere Umwelt verkrafte noch mehr rücksichtslose Entwicklung, weit verbreitet. Das zeigt sich auch daran, dass Vertreter industrialisierter Länder noch immer glauben, wir können erst die Wirtschaft weiterentwickeln und dann saubermachen. Dass genau dies nicht geht, haben arme Länder zum Beispiel in Afrika inzwischen erkannt. Das neue Motto der UN-Umweltorganisation "Umwelt für Entwicklung" gelangt langsam ins Zentrum des Denkens, doch das Ergebnis der Bemühungen reicht längst noch nicht aus.

Was muss Ihrer Meinung nach getan werden“
Wir müssen beispielsweise überlegen, wie wir eine robutste Infrastruktur und Stadtentwicklung schaffen, die dem Klimawandel standhalten. Können wir uns eine so breite Energieanforderung noch erlauben oder den Bau weiterer Handelszentren auf der grünen Wiese, sodass dort alle hinfahren müssen„ Es kann doch nicht sein, dass die Innenstädte zwar schön anzusehen sind, aber dort kein Leben mehr herrscht. Da muss sich etwas verändern.

Zwischen Umweltschutz und Teilen der Wirtschaft gibt es Gegensätze - scheinbare und tatsächliche. In der Lausitz hat Vattenfall gerade den Braunkohleabbau bis 2050 bekanntgegeben. Daran hängen eine Menge Jobs in der Region. Hat Braunkohle noch Zukunft“
Wirtschaftliche Entwicklung braucht Energie. Für Länder wie China und Indien, für Australien und die USA ist Kohle weitgehend der einzige fossile Energieträger. Gegenwärtig wird in China alle 14 Tage ein neues Kohlekraftwerk in Betrieb genommen. Wenn wir den Klimawandel noch stoppen wollen, brauchen wir Alternativen dafür und eine höhere Energieeffizienz. Solange wir die Kohle nutzen, müssen wir dafür sorgen, dass sie keine Auswirkung auf die Atmosphäre mehr hat. Beim Abbau darf man aber auch die direkte Auswirkung auf die Menschen und die Landschaft vor Ort nicht vergessen.
Wir brauchen saubere Kohle. Technologien, wie ein CO 2 -freies Kraftwerk, das Vattenfall bauen will, sind ein Weg dahin. Solche Techniken oder verstärkte Kraft-Wärme-Kopplung bieten auch für den Export große Chancen. Deshalb muss daran weiter gefeilt werden. Die Technische Universität in Cottbus hat alle Voraussetzungen, technologische Entwicklungen zu forcieren und damit Arbeitsplätze zu schaffen. Die traditionelle Energieregion Lausitz muss über die Verstromung hinaus mehr gefordert werden.

Also ist die Umwelttechnologie eine echte Chance für die Lausitz„
Die Energiefrage ja, mit allem was dazu gehört - wie kann Energie gespart werden, wie müssen Gebäude saniert werden, damit keine Wärme verloren geht. Das ist eine große Herausforderung. Und darin liegt ein enormes Potenzial, denn die hiesige Bauweise ist im ehemaligen Ostblock und auch in Asien weit verbreitet. Hier entwickelte Technologien können anderswo problemlos nachgenutzt werden.

Sie hatten nach mehr als acht Jahren Arbeit in Nairobi die Wahl, Ihre berufliche Tätigkeit in China oder in den USA fortzusetzen. Warum haben Sie sich für Schanghai entschieden“
Ich bin nach China gegangen, weil ich glaube, dass sich in Asien die Zukunft dieser Welt entscheiden wird. Die Fragestellungen, die man dort zu beantworten hat, sind sehr zentral. China hat keine andere Wahl, wenn das Land für seine 1,3 Milliarden Bewohner eine Zukunft bauen und die Armut bekämpfen will.

Mit KLAUS TÖPFER sprachen Susann Michalk, Christina Dirlich, Tim Albert und Maiken Kriese