Sirte. Am Ende ging es schneller als erwartet – und es blieb widersprüchlich. Der neuen libyschen Führung zufolge wurde Gaddafi während der Gefechte um seine Heimatstadt Sirte getötet. Zuvor hatte ein Kommandeur erklärt, Gaddafi sei in Sirte gefangen genommen worden. „Er ist schwer verletzt, aber er atmet noch“, sagte Mohammed Leith.

Er habe ihn selbst gesehen, sagte Leith. Ihm zufolge trug Gaddafi eine khakifarbene Uniform und hatte einen Turban auf dem Kopf. In Sirte sagte ein Kämpfer der Truppen der neuen Führung, er sei bei der Festnahme dabei gewesen. Er habe dem gestürzten Machthaber seine Waffe, einen goldenen Revolver, abgenommen, sagte Mohammed Lahuaib Schaban.

In anderen Berichten hieß es, Flugzeuge der Nato hätten bei Sirte einen Fahrzeugkonvoi angegriffen und so die Gefangennahme Gaddafis ermöglicht, der aus Sirte habe fliehen wollen. Das Militärbündnis flog seit März als Quasi-Luftwaffe der Gaddafi-Gegner mehr als 26 000 Lufteinsätze über Libyen und feuerte bei fast 10 000 Angriffsflügen Tausende Bomben und Raketen ab.

Internationale Medien verbreiteten ein mit einem Handy aufgenommenes Foto, auf dem Gaddafi offenbar schwer verletzt oder getötet zu sehen war. Arabische Fernsehsender kündigten Videoaufnahmen über Gaddafis Gefangennahme an. Die Authentizität der Aufnahmen konnte zunächst allerdings nicht bestätigt werden.

Von Gaddafi hatte nach der Einnahme der Hauptstadt Tripolis durch die Kämpfer des Übergangsrats Ende August jede Spur gefehlt. Doch mit seinen Audio-Botschaften, die er über einen syrischen Fernsehsender verbreiten ließ, meldete sich der abgetauchte „Bruder Oberst“ immer wieder zu Wort. Darin rief Gaddafi zum Widerstand bis zum bitteren Ende auf und kündigte an, mit seinen Getreuen bis zum Sieg zu kämpfen oder „als Märtyrer“ zu sterben.

Auch der Verbleib von Gaddafis engstem Umfeld war unklar. Der Sender Libya lil Ahrar berichtete, außer Gaddafi seien auch sein Sohn Muatassim sowie der Chef der inneren Sicherheit, Mansur Dau, und Geheimdienstchef Abdallah Senussi festgenommen worden. Kommandeur Leith sagte, Muatassim Gaddafi sei in Sirte „tot aufgefunden“ worden. Seine Leiche und die von Gaddafis früherem Verteidigungsminister Abu Baker Junis Dschabir seien mit einem Krankenwagen nach Misrata gebracht worden.

In Sirte hatten die Gaddafi-Getreuen bis zuletzt erbitterten Widerstand geleistet. Am Donnerstag fiel Gaddafis Heimatstadt offenbar als letzte Bastion gegen die von der Nato unterstützte neue Führung.

In der Nähe des Feldlazaretts in Sirte begrüßten Bewohner Gaddafis Gefangennahme mit Hupkonzerten und Freudenschüssen in die Luft. Auch in Tripolis und in Bengasi wurde auf den Straßen gefeiert. Gaddafi, der das Schicksal seines Heimatlandes als bizarrer Machthaber mehr als 40 Jahre lang bestimmte, gehört offenbar endgültig der Geschichte an.

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Zum ThemaNach dem Tod des früheren libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi bereitet die Nato das Ende ihres Militäreinsatzes vor. Am heutigen Freitag kommt der Nato-Rat in Brüssel zusammen. Der Beschluss zur Einstellung der Operation sei dann möglich, verlautete am Donnerstag aus Diplomatenkreisen. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte mehrfach betont, das Bündnis stoppe die Luftangriffe auf die letzten Anhänger Gaddafis, sobald von ihnen keine Bedrohung mehr für die Zivilbevölkerung ausgehe. Mit ihren Angriffen auf Stellungen und Waffenlager von Gaddafis Streitkräften hatte die Militärallianz den Sieg der Rebellen ermöglicht. dapd/sm