Alice Gründler (79) aus Guben ist die erste Besucherin dieses Tages. Ausgerechnet sie, die von Hagens kommerziellen Umgang mit den Körpern Verstorbener ablehnt, aus ethischen wie religiösen Gründen. Ausgerechnet sie, die auch ein bisschen Angst davor hat, dass die Schau zu eklig sein könnte, dass sie vielleicht sogar umkippt. „Ich will es mir trotzdem ansehen“ , sagt sie. „Nicht hineinzugehen wäre dumm. Was soll ich denn darüber sagen, wenn ich keine Ahnung habe.“
Schließlich schlagen ja zwei Herzen in ihrer Brust. Ihr Enkel, Daniel Mettke (26), hat beim Plastinator Arbeit gefunden. „Nach zwei Jahren Hartz IV war das wie ein Sechser im Lotto“ , schwärmt der gelernte Gerüstbauer. Sein handwerkliches Geschick kommt ihm zugute: „Ich bin sowas wie ein Hausmeister, ein Mädchen für alles.“ Und die Arbeit mit den Leichen? „Klar“ , sagt er, „das würde ich zur Not auch machen. Für den Gunther sowieso.“
Die meisten der 48 neu eingestellten Plastinariumsmitarbeiter aus Guben und Umgebung wissen noch nicht genau, welchen Platz sie am Ende einnehmen werden. Erst mal schauen, wer sich wofür am besten eignet, heißt es. „Das weiß man ja vorher nie so genau“ , sagt Barbara Sturm (46). Früher war sie Textilingenieurin. 15 Jahre nach dem Aus für die „Gubener Wolle“ hat sie nun in ihrer alten Fabrik wieder Arbeit gefunden. In der Schauwerkstatt sitzt sie mit einem Skalpell vor dem geöffneten Brustkorb eines Toten und befreit das künftige Plastinat vorsichtig von Kunststoffresten.

Als Christin keine Gewissensnöte
„Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich so etwas mal tun würde, aber diese Arbeit macht mir sogar Spaß. Es ist eine ganz angenehme Atmosphäre mit den Kollegen hier“ , erzählt sie. Man könnte meinen, dass der neue Job sie als katholische Christin in Gewissensnöte bringen würde. Immerhin sind es auch Christen, die gegen die Vermarktung menschlicher Körper protestiert haben, die die Achtung der Menschenwürde über den Tod hinaus fordern und dafür sogar vors Verfassungsgericht gehen wollen.
Barbara Sturm aber hat einen anderen Standpunkt: „Die Seele verlässt den Körper, also braucht sie ihn nicht mehr.“ Die Scheu vieler Menschen, offen mit dem Tod umzugehen, kann sie nicht verstehen: „Das Nichtwissen ist das eigentliche Problem. Das macht den Tod so unheimlich.“
Damit spricht sie Gunther von Hagens aus der Seele, der in diesem Augenblick hereinschwebt - heute nicht wie ein wiedergeborener Salvador Dalí im roten Samtjackett der Eröffnungszeremonie, sondern im blauen Doktorkittel, aber nicht weniger medienhungrig und surreal als der spanische Künstler. Im Gefolge ein Kamerateam und ein Pulk von Ausstellungsbesuchern, die seinen nervösen Marsch durch die Fabrikhallen begleiten.
Die Faszination, die von diesem Ernergiebündel ausgeht, ist unbestritten. Mit ihr will von Hagens auch junges Publikum anlocken. 15 000 Pädagogen in Berlin und Brandenburg hat er angeschrieben, um sie für das einzigartige Lehrbeispiel Plastinarium zu begeistern. Über ein Jugendhotel in einem Flügel seiner Gubener Fabrik denkt er nach. Und er schließt nicht aus, dass er mit Plastinaten einmal einen ewigen Liebesakt darstellen wird, um auf die Gefahren von Aids hinzuweisen. Laut Fragebogen, sagt er, seien 60 Prozent der Körperspender mit „postmortalem Sex“ einverstanden.
Wer allein ins Plastinarium will, muss mindestens 14 sein, in Begleitung Erwachsener dürfen auch Jüngere hinein. Meike Holtsch (41), Lehrerin aus Spremberg, findet nichts dabei. Sie könne sich einen Besuch mit Schülern im Rahmen des Biologieunterrichtes durchaus als nützlich vorstellen. Dass Jugendliche durch den Anblick der bis auf Knochen, Muskeln und Gefäße entblätterten Anatomie-Modelle verroht würden, bezweifelt sie.

Sauber, ästhetisch, lehrreich
Tatsächlich mutet von Hagens unangenehmere Teile der Plastinate-Produktion dem Zuschauer nicht zu. Die Formalin-Infusion in die Arterien, um den Verwesungsprozess zu stoppen, das Entfernen von Haut, Fett- und Bindegewebe oder das Bad in Aceton werden in der Ausstellung nur durch Platzhalter oder Videos angedeutet.
Der Rest wirkt sauber und ästhetisch. Wen man an diesem Eröffnungstag im Plastinarium auch fragt, schockiert scheint keiner, fasziniert sind viele. „Im Krieg habe ich ganz anderes gesehen“ , meint Edwin Fiebikar (73), den das Interesse aus Eisenhüttenstadt hergetrieben hat. „Ich interessiere mich für eine Weiterbildung als OP-Schwester. Da ist das für mich nur lehrreich“ , erklärt die 32-jährige Krankenpflegerin Sylvia Naumann.
Nur zwei positive Stimmen aus einer großen Menge, wie Gabi Scharkowski, die Marketingleiterin des Hauses, versichert: „Wir haben viele Besucher angesprochen. Die Ausstellung wurde sehr begeistert aufgenommen. Umgefallen ist gestern jedenfalls keiner.“