Z um dritten Mal hintereinander droht den Grünen nach der Bundestagswahl die Oppositionsrolle. Das war schon den gesamten Wahlkampf über klar - es schien aber bisher vor allem an der SPD zu liegen. Die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin führten die Partei bisher recht sicher zu einem komfortablen Zugewinn an Prozenten und Sitzen. So schien es. Doch auf ihrem kleinen Parteitag in Bamberg mussten die Grünen nun überraschend gegen ein ungemütlicheres Szenario ankämpfen.

Das jüngste Zehn-Prozent-Rekordtief in zwei Umfragen ist ein Schlag ins Kontor: Was, wenn es nicht klappt mit dem Regieren - und die Grünen trotz Traumwerten bei den Demoskopen über Monate nur mehr oder weniger ihre Stammwählerschaft mobilisieren können statt zuzulegen? Auch die jüngste Erhebung, nach der die Grünen bei elf Prozent verharren, ist nicht wirklich beruhigend.

Kein Wunder, dass Trittin vor den Delegierten eine Spekulation energisch zurückweist, die sich auch gegen ihn richtet. Die Grünen sind demnach vor allem abgesackt, weil sie zu sehr auf Steuerpolitik und Umverteilung setzen und zu wenig aufs Kernthema Energie/Umwelt. Vor allem Trittins Zahlenvorträge zu Steuern haften im Gedächtnis.

Vor den Delegierten beugt sich der Spitzenmann leicht über das Rednerpult und formt mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand einen Kreis. "Solange ich in dieser Partei bin, so lange gilt: Es gibt keine Ökologie ohne Gerechtigkeit. Ökologie ist Gerechtigkeit."

Ist die Steuerpolitik Schuld an Negativtrend? Schon seit Jahren beschließen die Grünen immer wieder Forderungen nach Sozial- und Steuerreformen mit Umverteilung. Nach dem Programmbeschluss im April gab es lange überhaupt keine Ausschläge in den Umfragen. Trittin weist auch zurück, dass er zu wenig über die Energiewende rede. Eine Kurskorrektur für einen neuen Auftrieb in den Umfragen? In den Augen der Grünen-Spitzenleute nicht nötig.

Tatsächlich dürfen ein, zwei Prozentpunkte Minus in Umfragen angesichts Millionen unentschlossener Wähler und der Fehlermarge bei den Demoskopen nicht überinterpretiert werden. Doch sagen Grünen-Politiker in Bamberg, ohne zitiert werden zu wollen, dass der Dämpfer wohl mehrere Ursachen hat - und die Attacken von Union und FDP gegen die Grünen offenbar schon verfangen. Da ist der Vorwurf zentral, die Grünen wollten Milliarden mehr von Steuerzahlern für Staatsaufgaben.

Die Spitzenleute bieten Paroli. Wollen die Grünen Verbote? Das unterstellt FDP-Spitzenmann Rainer Brüderle unter Verweis auf den etwa von Fraktionschefin Renate Künast propagierten vegetarischen Tag in Kantinen ("Veggie-Day"). "Wir sind die Partei der Freiheit", hält Frontfrau Katrin Göring-Eckardt dagegen. Dann nennt sie etwa die doppelte Staatsbürgerschaft, wo sie Verbote aufheben will. Und ein paar miese Dinge wie Dumpinglöhne, na klar, da fände sie Verbote gut.

Möglicherweise sind auch manche Grün-Sympathisanten weniger mobilisiert, weil eine Regierungsbeteiligung wenig wahrscheinlich erscheint. Es gibt drei Möglichkeiten. Entweder entpuppen sich die Aufholparolen ("Wir drehen das" - Parteichefin Claudia Roth) doch nicht als Pfeifen im Walde, und Rot-Grün macht nach dem 22. September einen Politikwechsel. Oder die Grünen landen deutlich über dem 2009er Ergebnis von 10,7 Prozent, aber eben wieder in der Opposition.

Dann dürfte die Frage hochkochen, ob man künftig die Chance aufs Regieren mit Rot-Rot-Grün oder mit Schwarz-Grün sucht. Wenn man aber beim Projekt Zugewinn nach all dem Gerede von den Grünen als Volkspartei scheitert - dann könnte es schnell zum Hauen und Stechen beim Personal kommen, mit dem Ruf nach personeller Erneuerung .