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Umfragequeen, Sorgenkind, Ich-AG

In 100 Tagen wird der neue Bundestag gewählt.
In 100 Tagen wird der neue Bundestag gewählt. FOTO: dpa
Berlin. Noch 100 Tage bis zur Bundestagswahl. Wie hat sich das Spitzenpersonal der Parteien, die voraussichtlich ins Parlament einziehen werden, bisher geschlagen? Der Kandidatencheck. Hagen Strauß

Angela Merkel: Vom Trauerkloß zur Umfragequeen. Als die CDU-Vorsitzende Anfang Februar als gemeinsame Unions-Kandidatin präsentiert wurde, musste man Mitleid mit Merkel haben. Ausgelaugt und frus triert saß sie neben CSU-Chef Horst Seehofer. Ihre Beziehung lag wegen der Flüchtlingspolitik in Trümmern. Was machen Paare dann? Sie schweigen. Seitdem ist CSU-Kritik an Merkel verboten. Das ist ein Grund für ihren Aufschwung. Der andere: Merkel war im "Standby"-Modus, sie musste nach all den Attacken erst wieder auftanken. Und tatsächlich wirkt sie nun wie ausgewechselt. Zudem scheinen die Deutschen von "Muttis" Gipfeldiplomatie in turbulenten Zeiten beeindruckt zu sein. Merkels Performance: derzeit gut. Aussichten: Gewonnen hat sie noch nicht.

Martin Schulz: Vom Superstar zum Sorgenkind. Mit den 100 Prozent bei der Wahl zum SPD-Chef im März haben ihm die Genossen keinen Gefallen getan. Da war klar, dass der Hype um den Mann aus Würselen nicht anhalten würde. Aber die Medien und viele Wähler ließen sich zunächst beeindrucken vom roten Schwung. Jetzt ist die SPD in den Umfragen wieder zurückgefallen auf 24 Prozent. Als Schulz hätte nachlegen müssen, verschwand er von der Bildfläche. Angeblich, um die Landtagswahlkämpfe nicht bundespolitisch aufzuladen. Dann entpuppte sich seine rot-rot-grüne Option als Flop. Doch die Partei steht hinter ihrem Kandidaten. Das ist für die SPD neu. Schulz' Performance: verbesserungswürdig. Aussichten: Noch ist nichts verloren.

Cem Özdemir und Katrin Göring Eckardt: Vom sicheren Klassenerhalt zur Zitterpartie. Wofür braucht man noch die Grünen? Die Frage wird immer lauter gestellt - und das Spitzenduo Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt kommt da bisher über gestelzte Antworten nicht hinaus. Eigentlich sollte alles viel besser laufen für ihre Partei, sogar von der Regierungsbeteiligung träumte man. Ob mit CDU oder SPD, Hauptsache dabei. Doch nun kommt man in Umfragen der Fünf-Prozent-Hürde gefährlich nahe. Intern wird schon geunkt, womöglich auf das falsche Spitzenteam gesetzt zu haben. Özdemir und Göring-Eckardt umweht nämlich nichts Neues. Performance der beiden: schwach. Aussichten: Der dritte Platz dürfte schwer zu erreichen sein.

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht: Von der Machtoption zum Schreckgespenst. Rot-Rot-Grün, davon träumten lange Zeit ganz viele Linke und SPDler. Man traf sich sogar schon zu Sondierungen. Und dann zerplatzte der Traum ausgerechnet bei der Landtagswahl an der Saar. Bartsch und Wagenknecht wirken in der Regierungsfrage wie Feuer und Wasser; er würde wollen, sie will partout nicht. Wagenknecht fischt auch gerne an den extremen Rändern. Zusammen segelt das linke Duo freilich ideologisch gefestigt unter der Fahne der sozialen Gerechtigkeit. Inklusive allerlei weltfremder Verheißungen. Performance der beiden: wie erwartet. Aussichten: Auch nach der Bundestagswahl in der Opposition.

Christian Lindner: Vom liberalen Retter zur Ich-AG. Eines muss man Christian Lindner lassen: Der "Posterboy" der deutschen Politik - gerne in Schwarz-Weiß - hat die FDP nach ihrem Rauswurf aus dem Bundestag 2013 wieder auf Vordermann gebracht. Der Erfolg bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und die Bildung einer schwarz-gelben Regierung lassen auch einige im Bund von dieser Konstellation träumen. Die Liberalen sind da inzwischen geschmeidig genug. Das Problem der FDP ist jedoch, dass sie nur Lindner ist. Seine Performance: professionell bis zur Schmerzgrenze. Aussichten: Zum Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde wird es reichen.

Alexander Gauland und Alice Weidel: Von laut zu leise. Das AfD-Spitzenduo scheint sich schon in die Sommerpause verabschiedet zu haben. Vielleicht liegt es daran, dass das Thema Flüchtlinge und Migration derzeit kaum eine Rolle spielt. Oder aber Weidel und Gauland wissen, dass zumindest einer von ihnen nicht gerade für ein aufgehübschtes Image der Partei steht. Denn darum ringt die AfD offenbar im Moment - ihre Kampagnenplaner wollen sie fröhlicher und freundlicher erscheinen lassen. Performance von Gauland und Weidel: bisher bescheiden. Aussichten: Im Bundestag, aber längst nicht so stark.