Bei der großen Diskussionsrunde zur drohenden Verockerung der Spreefließe Mitte Oktober dieses Jahres waren Dutzende Zuhörer nach Vetschau (Oberspreewald-Lausitz) gekommen. Touristiker, Verbände, Politiker und Vertreter von Ämtern diskutierten gemeinsam mit Bürgern über die braune Brühe, die da immer näher an den Spreewald schwappt. Nur eine Gruppe fehlte: die Wissenschaftler. Das stieß bei vielen auf Unverständnis. Gibt es doch in der Lausitz gleich zwei Hochschulen.

Kritik, die Dieter Leßmann nicht nachvollziehen kann. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Problem der Verockerung. Leßmann arbeitet am Lehrstuhl für Gewässerschutz der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus. Er untersucht seit 1995 die Ökologie von Tagebauseen und die Auswirkungen des Bergbaus auf die Lausitzer Gewässer.


Warnung vor Panikmache

"Die Sulfat-Belastung der Spree ist ökologisch gesehen nicht kritisch", sagt Dieter Leßmann. Gerade die Grünen-Bundestagsabgeordnete Behm hatte etwa darauf hingewiesen, dass die braune Sulfatsuppe aus dem Spreewald durch diffuse Wasserwege auch das Trinkwasser im Großraum Berlin verseuche.

Nun kann Leßmann in diesem Punkt Entwarnung geben. Der Zielwert von weniger als 450 Milligramm pro Liter werde eingehalten. Nur oberhalb der Talsperre Spremberg liege die Belastung in dieser Größenordnung. Wobei der BTU-Wissenschaftler vor sinnloser Panikmache warnt.

"Der Sulfatgehalt mancher bekannter Mineralwässer ist mehr als doppelt so hoch wie im Spreewald", sagt er. Das Problem mit Sulfat ist lediglich, dass bei der Nutzung als Trinkwasser zum Schutz von Gewinnungsanlagen und Leitungsnetzen in Brandenburg und Berlin ein Grenzwert von 240 Milligramm pro Liter eingehalten werden muss. Denn Sulfat wirkt korrosiv und greift alte, vor allem zu DDR-Zeiten errichtete Betonbauten an. Neue Bauwerke lassen sich aber davor schützen, sind weitgehend immun. Positiv ist auch, dass der Calcium-Gehalt der Spree hoch ist. Denn Calcium verhält sich antagonistisch zum Sulfat, gleicht es aus.

Das eigentliche Problem stellt die Verockerung dar. "Betroffen sind vor allem die südwestlichen Zuflüsse des Spreewalds und die Spree oberhalb von Spremberg", sagt Wissenschaftler Leßmann. Wenn das zweiwertige Eisen ausfällt, kann es entweder zur Krusten- oder Flockenbildung kommen. Das ist von mehreren Faktoren wie Temperatur, Fließgeschwindigkeit oder pH-Wert abhängig. Jene Flocken können auch im zentralen Spreewald zum Problem werden, da sie in Bereiche transportiert werden, die es eigentlich nicht betrifft.

Leßmann plädiert daher für passive Verfahren am Spreewald-Rand, um einer zunehmenden Verockerung des Biosphärenreservates Herr zu werden. So können etwa künstliche Feuchtgebiete mit Schilfbewuchs und Absetzbecken einen Großteil der braunen Frachten aus kleineren Gewässern aufhalten. Doch dieses schonende Verfahren wäre für die Spree nicht möglich, da deren Durchfluss und Fließgeschwindigkeit zu hoch sind.

"Da gibt es nur die Möglichkeit, oberhalb der Talsperre Spremberg, die bisher den Löwenanteil der Frachten aufhält, etwas zu unternehmen", so Leßmann weiter. Das können beispielsweise Feuchtgebiete, Reinigungsanlagen oder Untergrundbehandlungen sein.

Denn dort hat das Dilemma auch seine Ursache - im Boden. In den tertiären Bodenschichten der Lausitz lagern die Mineralien Markasit und Pyrit. Durch den Bergbau, wenn die Erde abgebaggert und umgekippt wird, kommen diese Mineralien mit der Luft in Berührung - Eisenhydroxid und Sulfat entstehen und schlummern in den Kippenböden. Wenn das Grundwasser in stillgelegten Tagebauen und benachbarten Böden wieder ansteigt, wird die problematische Fracht ausgewaschen und gelangt über diffuse Wege in große Wasseradern wie Spree und Schwarze Elster und damit auch in den Spreewald. Mit dem Sulfat verhält es sich ähnlich. In einer Stellungnahme der brandenburgischen Landesregierung heißt es, dass der derzeit größte Teil der Sulfatbelastung in der Spree wahrscheinlich vom aktiven Tagebau in Nochten komme.

Mangelhafte Datenlage

Laut Zahlen des brandenburgischen Umweltministeriums sind die noch aktiven Tagebaue für 80 000 Tonnen Sulfatfrachten pro Jahr verantwortlich. Jedoch sinke diese Zahl kontinuierlich. Im Bereich Sanierungsbergbau, also den Altlasten, sind es 70 000 Tonnen pro Jahr.

Ein Problem ist die dürftige und nicht umfassende Datenlage. "Zuverlässige Prognosen für die Zukunft sind so leider nicht möglich", sagt Leßmann. Bei der Diskussionsrunde in Vetschau hatte die Lausitzer Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft (LMBV) unter anderem die Veröffentlichung einer Studie angekündigt (siehe Infobox). Darin wird die Eisenhydroxid- und Sulfatbelastung Lausitzer Gewässer untersucht. Der erste Teil, "Spree vor Spremberg", soll nach RUNDSCHAU-Informationen bei einer Informationsveranstaltung in Spremberg am 8. Januar kommenden Jahres vorgestellt werden. Doch entgegen ersten Ankündigungen sollen die Daten laut LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber nicht an Dritte herausgegeben oder ins Internet gestellt werden.

Das Aktionsbündnis "Klare Spree" wird am Dienstag, 4. Dezember, 18 Uhr, im Hotel "Radduscher Hafen" gegründet.

www.klare-spree.de

Zum Thema:
Die Lausitzer Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft (LMBV) hat eine wissenschaftlich sehr umfangreiche Studie anfertigen lassen. Darin geht es unter anderem um die Eisenhydroxid- und Sulfatbelastung der Lausitzer Gewässer. Laut LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber sollen die Ergebnisse am 8. Januar bei einer Informationsveranstaltung in Spremberg bekannt gegeben werden. Entgegen ersten Ankündigungen bei einer Informationsveranstaltung in Vetschau am 17. Oktober dieses Jahres wird die LMBV keine Daten der von dem Wissenschaftler Dr. Uhlmann erarbeiteten Studie im Internet veröffentlichen. "Auch eine Ausreichung an Dritte wird nicht vorgenommen", sagte Steinhuber auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Zugleich kündigte er eine zweite wissenschaftliche Ausarbeitung für den März des kommenden Jahres an, da soll es um Belastungen für den Nordraum der Lausitz gehen. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen werden zurzeit von den LMBV-Fachabteilungen mit den sächsischen und brandenburgischen Behörden "umfangreich auf der fachlichen Arbeitsebene diskutiert", so Steinhuber weiter.