In einem Offenen Brief, der in einer Sonderausgabe der Studentenzeitung "Forum" abgedruckt war, wurde verlangt, "Unruhestiftern, die durch eine zersetzende Kritik alles bisher Geleistete anzweifeln und negieren, das Handwerk zu legen". Die studentische Jugend, hieß es, dürfe sich nicht durch "demagogische Losungen" verwirren lassen.

Reaktion auf Stalins Verbrechen
Über die eigentlichen Gründe für diese Studentenschelte ließen sich die Verfasser nicht aus. Auch das Parteiorgan "Neues Deutschland", das den Brief am 14. Dezember in Auszügen abdruckte, trug wenig zur Aufhellung bei. Dabei brodelte es an nicht wenigen Universitäten der DDR. Seit im Februar 1956 in Moskau der XX. Parteitag der KPdSU mit den Verbrechen des sowjetischen Diktators Josef Stalin abgerechnet hatte, stellten zahlreiche Studenten und Professoren den an Stalin orientierten Kurs der SED-Führung infrage. Hinzu kamen vielfältige Solidaritätsbekundungen mit dem im Juni in Poznan (Po- sen) niedergeschlagenen Protest polnischer Arbeiter und dem Aufstand der Ungarn im Oktober.
Protestaktionen gab es vornehmlich an der Technischen Hochschule in Dresden, der Humboldt-Universität in Berlin und der Karl-Marx-Universität Leipzig. "Zersetzende Kritik, geschürt von gewissen Rundfunkanstalten und Zeitungen des Westens", so der Tenor des SED-Zentralkomitees, wurde auch an den Universitäten Rostock, Halle, Jena und Weimar sowie vor allem auch an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, registriert. Forderungen nach einem von der SED unabhängigen Studentenverband, nach demokratischer Mitbestimmung der Studenten bei der Studiengestaltung und Abschaffung der Pflichtkurse in Marxismus-Leninismus wurden laut.
Noch angeheizt wurde die Diskussion, als die Studenten angehalten wurden, in den Sommerferien nicht in die Bundesrepublik zu reisen. Am Brandenburger Tor in Berlin löste die Polizei eine Studentendemonstration auf. Die Teilnehmer wurden nach West-Berlin abgedrängt und dann daran gehindert, den Ost-Teil der Stadt wieder zu betreten. SED-Betriebskampfgruppen wurden zu "Übungen" auf das Universitätsgelände beordert.
Als Vertretung der Studenten komme nur die staatliche Jugendorganisation FDJ, die Freie Deutsche Jugend, infrage, hieß es im Offenen Brief. Das gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium, das die Lehren von Marx, Engels und Lenin vermittele, sei "im Kampf gegen die Ideologen des Imperialismus und der Reaktion" unverzichtbar.

Kampf in der Parteiführung
Auf einen Satz im Offenen Brief des Zentralkomitees hatte Ulbricht besonderen Wert gelegt: "An unseren Universitäten und Hochschulen können nur diejenigen studieren, die der Arbeiter- und Bauernmacht treu ergeben sind." Damit wurde ein Schlusspunkt für die aufmüpfige Studentenschaft gesetzt. Ulbricht begann jedoch nicht nur mit vermeintlich "partei- und staatsfeindlichen Gruppierungen" an den Universitäten abzurechnen, sondern sagte auch seinen Widersachern in der SED-Parteiführung den Kampf an. Sie wurden rigoros ausgeschaltet, ihrer Funktionen enthoben oder eingesperrt und zu hohen Haftstrafen verurteilt. Das sich 1956 anbahnende politische Tauwetter in der DDR musste einem "sozialistischen Frühling" weichen.
Die Statistik verzeichnet für das zweite Halbjahr 1956 immerhin den Eintritt von mehr als 50 000 DDR-Bürgern in die SED - aber am Ende des Jahres auch die Flucht von knapp 280 000 Ostdeutschen in den Westen.